Katastrophen – rechne immer mit dem Schlimmsten

Katastrophen – Warum wir ständig Katastrophen im Kopf entstehen lassen
Kennst du das auch? Kaum passiert etwas Ungewöhnliches, rechnest du sofort mit dem Schlimmsten. Ganz egal, ob im Beruf, in der Familie oder im Alltag. Aus einer kleinen Unsicherheit wird innerhalb weniger Sekunden eine riesige Katastrophe. Plötzlich kreisen die Gedanken nur noch darum, was alles passieren könnte.
Ich kenne das nur zu gut.
Über viele Jahre hinweg gehörte das Katastrophieren zu meinem Alltag. Eigentlich war es sogar mein ständiger Begleiter. Sobald ein Problem auftauchte, lief in meinem Kopf sofort ein kompletter Katastrophenfilm ab. Ein kurzer Schmerz in der Brust wurde zum möglichen Herzinfarkt. Meldete sich meine Frau einige Stunden nicht, entstand sofort die Angst, dass ihr etwas passiert sein könnte. Machte ich im Beruf einen Fehler, glaubte ich, dass mir bestimmt die Kündigung drohte.
Dabei war ich nicht einfach nur etwas besorgt. Mein Körper befand sich praktisch ständig im Alarmzustand. Schlafstörungen gehörten genauso dazu wie Herzrasen, Verdauungsprobleme oder eine permanente innere Unruhe. Heute weiß ich, dass nicht nur die Angst selbst belastend war. Es waren vorwiegend meine Gedanken, die diesen Dauerstress immer wieder neu ausgelöst haben.
Natürlich macht sich jeder Mensch einmal Sorgen. Das gehört zum Leben dazu. Problematisch wird es erst dann, wenn sich die Gedanken fast nur noch um mögliche Katastrophen drehen. Dann läuft im Kopf ständig ein Film ab, der immer wieder das schlimmstmögliche Ende zeigt. Genau dadurch bleibt der Körper in Alarmbereitschaft, obwohl objektiv oft gar keine Gefahr besteht.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Katastrophieren auch auf: Angst vor dem Einkaufen oder Angst vor dem Autofahren. Genauso wie die Angst, einen Arzt aufzusuchen.
Je älter ich wurde, kam hinzu diese Angst vor dem Älterwerden.
Unser Gehirn will uns eigentlich nur schützen
Eigentlich verfolgt unser Gehirn eine gute Absicht. Es möchte Gefahren möglichst früh erkennen. Lieber einmal zu vorsichtig sein als eine echte Bedrohung übersehen. Dieser Schutzmechanismus hat uns Menschen über viele Jahrtausende geholfen, zu überleben.
Das Problem beginnt allerdings dann, wenn dieser Schutzmechanismus aus dem Gleichgewicht gerät.
Viele Menschen glauben unbewusst, dass sie sich ausreichend schützen können, wenn sie nur lange genug über mögliche Probleme nachdenken. Vielleicht kennst du solche Gedanken auch: „Wenn ich mich auf alle Eventualitäten vorbereite, kann mich später nichts überraschen.“ Oder: „Ich muss einfach nur alle Risiken vorher erkennen.“
Anfangs fühlt sich das tatsächlich sogar beruhigend an. Schließlich hat man das Gefühl, aktiv etwas gegen die Angst zu unternehmen. Langfristig passiert jedoch genau das Gegenteil.
Aus Sicherheit entsteht Unsicherheit.
Ist eine Sorge erledigt, wartet bereits die nächste. Kaum wurde eine Katastrophe gedanklich abgearbeitet, beginnt schon die nächste Grübelei. In Zukunft dreht sich das ganze Leben fast nur noch um mögliche Gefahren.
Mir fiel auf, dass die Ereignisse, über die ich grübelte, immer kleiner wurden. Aus der berühmten Mücke entstand innerhalb weniger Minuten ein riesiger Elefant. Rückblickend war das eigentlich verrückt. Damals erschien mir jeder Gedanke vollkommen logisch.
Angst verändert unseren Blick auf die Wirklichkeit
Wer unter einer Angststörung leidet oder sich in einer belastenden Lebensphase befindet, nimmt mögliche Risiken häufig deutlich stärker wahr als andere Menschen. Positive oder neutrale Informationen geraten dabei fast automatisch in den Hintergrund.
Genau das habe ich über mehr als zwanzig Jahre erlebt.
Ein Beispiel verdeutlicht das relativ gut. Stell dir vor, ein Arzt sagt nach einer Untersuchung: „Alles sieht unauffällig aus. Sollte die Beschwerde trotzdem anhalten, kommen Sie bitte noch einmal zur Kontrolle.“
Die meisten Menschen würden wahrscheinlich erleichtert nach Hause gehen.
Ein ängstlicher Mensch hört dagegen oft nur den zweiten Satz.
Sofort entstehen Gedanken wie: „Warum soll ich noch einmal kommen? Hat der Arzt vielleicht doch etwas entdeckt? Hat er mir nur nicht die ganze Wahrheit gesagt?“
Die Aufmerksamkeit richtet sich fast ausschließlich auf die mögliche Gefahr. Dadurch entsteht der Eindruck, dass eine schlimme Entwicklung sehr wahrscheinlich ist. Tatsächlich ist sie das häufig überhaupt nicht.
Genau so funktionierten auch meine Gedanken.
Jede Panikattacke führte automatisch zur nächsten Katastrophe. Wann kommt die nächste Attacke? Bekomme ich dieses Mal einen Herzinfarkt? Sterbe ich vielleicht daran?
Auch im Alltag ging das ständig weiter.
Hoffentlich passiert meiner Frau kein Unfall.
Hoffentlich wird sie nicht schwer krank.
Was passiert, wenn ich einen Fehler mache? Verliere ich meinen Arbeitsplatz?
Heute erkenne ich, dass sich meine Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf mögliche Gefahren richtete. Alles andere blendete ich völlig aus.
Warum ich schon als Kind mit dem Schlimmsten gerechnet habe
Im Laufe meiner Psychotherapie wurde mir klar, dass diese Denkweise nicht plötzlich entstanden war.
Meine Eltern lebten mir genau dieses Verhalten jeden Tag vor.
Beide rechneten fast immer mit dem Schlimmsten. Besonders meine Mutter machte sich ständig Sorgen um Krankheiten. Hinter jedem Zipperlein vermutete sie etwas Ernstes. Hinzu kamen ihre narzisstischen Verhaltensweisen und ihre ausgeprägte Hypochondrie.
Als Kind bekommt man solche Überzeugungen ganz automatisch mit.
Irgendwann erscheinen sie völlig normal.
Während der Therapie wurde mir außerdem bewusst, dass aus diesen Erfahrungen mangelndes Selbstvertrauen und wenig Selbstsicherheit entstanden waren. Vor allem fehlte mir etwas, das viele Psychologen als Urvertrauen bezeichnen. Dieses grundlegende Gefühl, dass das Leben im Großen und Ganzen bewältigbar ist.
Wer dieses Vertrauen nicht entwickeln konnte, versucht häufig, alles unter Kontrolle zu bringen.
Genau das tat ich.
Ich wollte jede mögliche Gefahr vorher erkennen. Jede Eventualität durchdenken. Jedes Problem schon lösen, bevor es überhaupt entstanden war.
Natürlich funktionierte das nicht.
Im Gegenteil.
Ich machte mir das Leben dadurch immer schwerer.
Die meisten Katastrophen sind nie eingetreten
Wenn ich heute zurückblicke, muss ich manchmal schmunzeln.
Ich habe im Laufe meines Lebens unzählige Katastrophen in meinem Kopf erlebt.
Keine einzige davon ist tatsächlich eingetreten.
Das Erstaunliche war allerdings etwas anderes.
Wenn wieder einmal nichts passiert war, dachte ich keineswegs: „Siehst du, deine Angst war völlig unbegründet.“
Nein.
Mein Gedanke lautete meistens: „Diesmal hast du eben Glück gehabt. Wer weiß, wie es beim nächsten Mal ausgeht.“
Damit bestätigte ich meine Ängste immer wieder selbst.
Mein Gehirn lernte überhaupt nichts Neues. Stattdessen speicherte ich jede einzelne Sorge ab und war beim nächsten Mal noch schneller bereit, wieder mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Dadurch entstand im Laufe der Jahre ein völlig verzerrtes Bild der Wirklichkeit.
Ich sah überall Gefahren, obwohl sie meistens gar nicht vorhanden waren.
Was ich im Laufe der Jahre gelernt habe
Nach mehr als zwanzig Jahren mit Angststörungen und Panikattacken sehe ich vieles anders.
Das Wichtigste war für mich die Erkenntnis, dass Gedanken keine Tatsachen sind.
Nur weil mein Kopf eine Katastrophe entwirft, bedeutet das noch lange nicht, dass sie eintreten wird.
Viele unserer Befürchtungen sind Konstruktionen unseres Gehirns. Sie entstehen aus früheren Erfahrungen, aus Gewohnheiten oder aus Ängsten, die wir gelernt haben.
Deshalb stelle ich mir heute häufig einige einfache Fragen.
Wie realistisch ist dieses Szenario überhaupt?
Wie wahrscheinlich ist es wirklich?
Welche andere Erklärung könnte es geben?
Und eine Frage hilft mir besonders oft: Was würde ich einem engen Freund raten, wenn er genau dieselben Gedanken hätte?
Natürlich verschwinden dadurch nicht sofort alle Ängste.
Aber diese Fragen schaffen Abstand zu meinen Gedanken. Sie helfen mir, Situationen etwas realistischer einzuordnen und nicht jede Befürchtung sofort für die Wahrheit zu halten.
Wer ständig mit dem Schlimmsten rechnet, ist übrigens weder schwach noch überempfindlich. Hinter diesem Verhalten stecken oft eigene Lebenserfahrungen, Unsicherheit oder eine Angststörung. Manchmal ist es auch einfach eine Gewohnheit geworden, die sich über viele Jahre entwickelt hat.
Die gute Nachricht ist jedoch: Gewohnheiten können sich verändern.
Mir ist das nicht von heute auf morgen gelungen. Es gab Rückschläge, Zweifel und viele schwierige Tage. Trotzdem hat sich mein Blick auf die Welt langsam verändert. Je besser ich verstand, warum meine Gedanken immer wieder in Richtung Katastrophe wandern, desto leichter fiel es mir, ihnen nicht mehr alles zu glauben.
Heute weiß ich, dass mein Kopf manchmal noch immer die schlimmsten Geschichten erfindet. Der Unterschied ist nur: Ich muss ihnen nicht mehr automatisch glauben. Und genau das gibt mir ein Stück Freiheit zurück.
Diese Freiheit beinhaltet auch, dass ich heute oft über meine Gedanken lachen kann, weil sie einfach so absurd und verrückt sind. Auch im Alltag nehme ich heute das, was ich erlebe, ganz anders wahr. Manchmal mit einem Kopfschütteln, aber auch mit Humor und Ironie. Das versuche ich auf meiner Seite www.alltag-ist-leben.de aufzuschreiben.

