Lebensfreude trotz Angst – ist das möglich?

Lebensfreude trotz Angst – ist das möglich?

Lebensfreude trotz Angst – ist das möglich?

Wer längere Zeit mit Angst oder Panik lebt, kennt wahrscheinlich dieses Gefühl: Irgendwann scheint sich alles um die Angst zu drehen. Was kann ich noch machen? Wo kann ich hin? Was passiert, wenn ich dort eine Panikattacke bekomme? Kann ich das wirklich planen? Ist das nicht zu anstrengend?

Solche Gedanken sind nachvollziehbar. Angst kann viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Was dabei leicht verloren geht, sind die anderen Dinge des Lebens. Dabei besteht ein Leben nicht nur aus der Frage, wie man mit Angst zurechtkommt.

Es gibt Interessen, Menschen, Orte, Musik, Natur, Essen, Tiere, Gespräche, Reisen, Hobbys, Erinnerungen und unzählige kleine Dinge, die einen Tag schöner machen können. Nichts davon wird automatisch bedeutungslos, nur weil Angst vorhanden ist.

Lebensfreude muss nicht auf später verschoben werden

Ein Gedanke, der sich bei Angst leicht einschleicht, lautet: Wenn ich wieder angstfrei bin, dann kann ich richtig leben.

Das klingt zunächst eigentlich logisch. Gleichzeitig steckt darin eine Falle. Niemand weiß, wann ein solcher Zustand erreicht wird. Vielleicht verändert sich die Angst langsam. Oder sie bleibt in bestimmten Situationen bestehen. Möglicherweise gibt es ruhige Zeiten und anschließend wieder schwierigere Phasen.

Soll das Leben bis dahin warten? Ich bin davon überzeugt: nein. Lebensfreude bedeutet nicht, dass alles in Ordnung sein muss. Auch Menschen ohne Angst haben Sorgen, schlechte Tage, Enttäuschungen und Probleme. Ein vollkommen sorgenfreies Leben wäre ohnehin eine ziemlich merkwürdige Vorstellung.

Freude kann mitten in einem nicht so perfekten Leben stattfinden.

Ein gutes Essen kann schmecken, obwohl man vorher einen schwierigen Tag hatte. Oder das Gespräch kann guttun, obwohl die nächste Woche Sorgen bereitet. Ein Spaziergang kann schön sein, obwohl man unterwegs etwas unruhig wird. Diese Dinge müssen nicht erst durch Angstfreiheit legitimiert werden. Gerade darin liegt etwas Befreiendes. Ein schöner Moment darf einfach schön sein. Man muss ihn nicht analysieren. Oder ständig überprüfen und die Frage stellen: Bin ich gerade glücklich?

Wir können und dürfen uns über etwas freuen und später wieder Angst haben. Beides widerspricht sich nicht. Das klingt vielleicht selbstverständlich. Wer jedoch lange Zeit vor allem mit Angst beschäftigt ist, verliert diesen einfachen Blick manchmal. Alles wird bewertet: War ich heute ängstlich? Wie stark war es? Habe ich etwas vermieden? Hatte ich Symptome?

Ein Tag wird dadurch zu einer Art Angstbilanz. Lebensfreude braucht dagegen nicht ständig eine Bilanz.

Das Leben wieder schöner werden lassen

Besonders interessant finde ich die Frage, was einem eigentlich Freude macht, wenn die Angst einmal nicht das Thema ist. Nicht: Was hilft gegen Angst? Sondern: Was gefällt mir?

Das sind sehr unterschiedliche Fragen. Für den einen ist es ein Hobby, für den anderen der Garten. Einer freut sich über einen Ausflug, ein anderer über einen ruhigen Abend mit Musik. Menschen brauchen keine allgemeine Liste von Dingen, die angeblich glücklich machen. Es geht um die persönlichen Sachen, die Bedeutung haben. Manchmal sind diese Interessen durch die Angst ziemlich weit nach hinten gerutscht.

Dann muss man nicht sofort das alte Leben komplett zurückholen. Schon ein kleiner Anfang kann reichen. Ein Hobby, das früher Spaß gemacht hat. Der Besuch bei einem Menschen, den man mag. Oder auch eine kurze Fahrt zu einem schönen Ort. Ein Nachmittag, an dem nicht ständig über Angst nachgedacht wird. Vielleicht funktioniert das zunächst nur teilweise. Das ist völlig in Ordnung.

Lebensfreude ist kein Trainingsprogramm, bei dem man eine bestimmte Punktzahl erreichen muss.

Auch das Verhältnis zur Angst kann sich dadurch verändern. Wenn der Tag aus mehr besteht als aus Sorgen und Vermeidung, verliert die Angst ein Stück weit ihre Alleinstellung. Sie ist noch da, aber sie steht nicht mehr auf jedem Platz.

Genau das finde ich am Gedanken „Lebensfreude trotz Angst“ so wichtig.

Es geht nicht darum, Angst schönzureden, sondern darum, dass wir unser Leben nicht der Angst überlassen.

Ein Mensch darf lachen, obwohl er Angst kennt. Er darf sich auf etwas freuen und darf Pläne machen. Jeder von uns darf einen guten Tag genießen, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Und wir dürfen nach einem schlechten Tag wieder einen guten erleben, ohne dass dieser gute Moment dadurch weniger echt wird. Vielleicht ist Lebensfreude sogar dann besonders wertvoll, wenn man weiß, wie sich das Gegenteil anfühlt.

Wer einmal lange Zeit nur funktioniert hat, merkt oft erst später, wie schön ganz normale Dinge sein können.

Und auch genau das bedeutet Mut trotz Angst. Mutig werden und mutig sein, das Schöne unseres Lebens zu sehen, Tag für Tag.

Lebensfreude trotz Angst ist deshalb keine widersprüchliche Idee. Sie ist eine ziemlich menschliche Möglichkeit.

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