Angstgedanken – warum wir ihnen glauben

Angstgedanken – warum wir ihnen glauben

Angstgedanken, die überzeugen – aber nicht die Realität sind

Ich kenne kaum etwas, das bei einer Angststörung so überzeugend sein kann wie ein Gedanke, der gerade im Kopf entsteht. Während einer normalen Situation kann man sich etwas denken und es danach wieder vergessen. Bei Angst funktioniert das manchmal ganz anders. Ein einziger Satz kann sich plötzlich so wichtig anfühlen, dass man gar nicht mehr auf die Idee kommt, ihn einfach als Gedanken stehen zu lassen. Genau das habe ich über viele Jahre erlebt. Kam ein Gedanke wie „Was, wenn etwas passiert?“ auf, war das für mich nicht einfach eine Frage. Es fühlte sich eher so an, als würde mein Kopf mich auf eine Gefahr aufmerksam machen, die ich besser ernstnehmen sollte. Schließlich hatte ich diesen Gedanken ja nicht ohne Grund. So zumindest fühlte es sich an. Rückblickend war genau das einer der Punkte, die mich lange beschäftigt haben: Warum glaube ich ausgerechnet den Gedanken, die mir Angst machen, so schnell? Bei angenehmen Gedanken war ich schließlich auch nicht besonders kritisch. Wenn ich mir vorstellte, dass ein Tag gut laufen würde, habe ich nicht minutenlang überprüft, ob dafür genügend Beweise vorhanden waren. Bei einem negativen Gedanken sah das völlig anders aus. Da wurde plötzlich recherchiert, verglichen, erinnert und analysiert. Mein Kopf wollte wissen, ob an der Befürchtung etwas dran sein könnte. Und weil sich fast immer irgendeine Möglichkeit finden ließ, blieb der Zweifel bestehen.

Gedanke – der sich wie eine Warnung anfühlt

Besonders überzeugend wurden Angstgedanken für mich dann, wenn gleichzeitig ein ungutes Gefühl da war. Ein schneller Herzschlag, Unruhe, ein komisches Gefühl im Bauch oder einfach diese schwer zu beschreibende innere Anspannung konnten einen Gedanken sofort glaubwürdiger machen. „Da stimmt etwas nicht“ bekam dadurch eine ganz andere Bedeutung. Das Gefühl war da, der Gedanke war da und beides schien zusammenzugehören. Ich musste damals nicht lange darüber nachdenken, ob diese Verbindung tatsächlich stimmte. Mein Kopf hatte sie längst hergestellt. So konnte aus einem kleinen Gedanken innerhalb kürzester Zeit eine ganze Geschichte werden. Erst kam die Frage, dann die Befürchtung, danach wurden mögliche Folgen durchgespielt und irgendwann fühlte sich das Ganze fast wie eine Tatsache an. Dabei hatte sich die Wirklichkeit überhaupt nicht verändert. Nur meine Wahrnehmung davon war eine andere geworden. Das habe ich lange nicht verstanden. Ich dachte vielmehr, mein intensives Nachdenken würde mir helfen, die Situation richtig einzuschätzen. Wenn ich nur gründlich genug darüber nachdächte, müsste ich irgendwann wissen, ob die Gefahr wirklich bestand. Tatsächlich fand ich durch dieses Nachdenken häufig nur noch weitere Möglichkeiten, warum etwas schiefgehen könnte. Genau hier wurde es schwierig. Eine Möglichkeit lässt sich fast immer finden. Wenn man lange genug sucht, kann aus beinahe jeder Kleinigkeit ein „Was wäre, wenn …?“ entstehen. Mein Kopf war darin ausgesprochen kreativ. Leider nicht auf die angenehme Art. Er produzierte keine zehn Möglichkeiten, warum alles gut gehen könnte, sondern konzentrierte sich auf die eine Variante, die mir am meisten Angst machte. Je öfter ich darüber nachdachte, desto vertrauter wurde mir dieser Gedanke. Und was vertraut ist, wirkt irgendwann fast selbstverständlich.

Angstgedanken – Veränderungen

Der entscheidende Unterschied kam bei mir nicht dadurch zustande, dass plötzlich alle Angstgedanken verschwunden wären. Das wäre schön gewesen, hat aber mit meiner Erfahrung wenig zu tun. Gedanken kommen weiterhin. Manche sind sinnvoll, andere völlig belanglos und wieder andere können einen ziemlich nerven. Was sich verändert hat, ist mein Verhältnis dazu. Ich habe irgendwann angefangen, zu bemerken, dass zwischen einem Gedanken und meiner Reaktion darauf ein kleiner Zwischenraum existiert. Früher war dieser Zwischenraum praktisch nicht vorhanden, weil ich ihn nicht wahrgenommen habe. Der Gedanke kam und ich sprang sofort darauf an. Heute gelingt es mir wesentlich häufiger, einen Gedanken erst einmal als Gedanken wahrzunehmen. Wenn mein Kopf sagt: „Was, wenn das schiefgeht?“, muss ich nicht automatisch nach einer Antwort suchen. Manchmal reicht tatsächlich die Feststellung: „Das ist gerade mein Angstgedanke.“ Damit ist die Angst nicht weg. Trotzdem bekommt der Gedanke nicht mehr automatisch denselben Stellenwert wie früher. Diese Veränderung hat bei mir lange gedauert, weil ich sehr an der Vorstellung hing, meine Gedanken müssten mir etwas Wichtiges mitteilen. Inzwischen weiß ich aus eigener Erfahrung, dass ein Gedanke nicht dadurch wahrer wird, dass er sich dringend anfühlt. Gerade Angst kann ein enormes Gefühl von Gewissheit erzeugen. Man kann überzeugt sein, etwas müsse gefährlich sein, obwohl man es objektiv gar nicht weiß. Für mich war es hilfreich, diesen Unterschied überhaupt erst einmal zu erkennen. Ich muss meinen Gedanken nicht bekämpfen und auch nicht jeden einzelnen widerlegen. Manche dürfen einfach da sein. Wenn ich heute merke, dass mein Kopf wieder eine Befürchtung zur Gewissheit machen möchte, fällt mir das zumindest schneller auf. Manchmal gelingt es mir, mich nicht mehr in die ganze Geschichte hineinziehen zu lassen. An anderen Tagen klappt das schlechter. Auch das gehört für mich dazu. Eine Angststörung verschwindet nicht deshalb aus dem eigenen Leben, weil man einige Dinge verstanden hat. Auch verschwinden Ängste nicht, wenn wir gegen sie ankämpfen. Aber man kann irgendwann anders auf das reagieren, was im Kopf passiert. Früher glaubte ich meinen Angstgedanken, weil sie sich so überzeugend anfühlten. Heute weiß ich: Ein Gedanke darf sich wichtig anhören, ohne deshalb recht zu haben. Genau diese Erfahrung hat meinen Umgang mit meiner Angst verändert. Genauso wenig ist es richtig, dass wir zuerst „angstfrei“ sein müssen, um glücklich zu sein, unser Leben wieder mit Freude zu leben. Auch das ist ein wichtiger Gedanke, über den ich mir erst ziemlich bewusst geworden bin.

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