Gedanken beeinflussen unsere Gefühle

Warum unsere Gedanken unsere Gefühle berühren
Ein Ereignis kann etwas in uns auslösen, ohne dass zwischen Ereignis und Gefühl immer eine direkte Verbindung besteht. Jemand sagt einen Satz, wir hören ihn und fühlen uns anschließend verletzt. Eine Nachricht erscheint auf dem Bildschirm und wir freuen uns. Ein Termin rückt näher und plötzlich entsteht Unruhe. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, was tatsächlich passiert. Auch die Bedeutung, die wir einem Ereignis geben, beeinflusst unsere Gefühle.
Genau deshalb kann dieselbe Situation bei zwei Menschen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Der eine hört einen bestimmten Satz und findet ihn lustig. Der andere empfindet ihn als Angriff. Der Satz ist derselbe. Die innere Bedeutung ist verschieden.
Ein Ereignis bekommt durch Gedanken eine Bedeutung
Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Eine Person kommt nach Hause und sagt ungewöhnlich wenig. Mehr wissen wir zunächst nicht. Trotzdem entstehen sofort Gedanken: „Irgendetwas ist los.“ Vielleicht folgt: „Bestimmt habe ich etwas falsch gemacht.“ Jetzt verändert sich das Gefühl.
Aus einer zunächst neutralen Beobachtung wird Sorge. Vielleicht kommt Unsicherheit hinzu. Die Person verhält sich weiterhin ruhig, doch inzwischen wird jede kleine Reaktion genauer beobachtet. Später stellt sich heraus, dass sie einfach müde war.
Das Beispiel zeigt, wie schnell ein Gedanke die Bedeutung einer Situation verändern kann. Die erste Wahrnehmung war korrekt: Jemand war ungewöhnlich still. Die Erklärung dafür war jedoch eine Vermutung.
Wir füllen solche Lücken ständig aus. Das ist völlig normal. Wir können nicht jede Situation mit vollständigen Informationen erleben. Also bilden wir Annahmen. Manchmal helfen diese Annahmen. Ein anderes Mal liegen sie daneben.
Gefühle reagieren dabei häufig auf die Bedeutung, die eine Situation bekommt. Ein verregneter Urlaubstag kann enttäuschend sein, wenn man sich seit Monaten darauf gefreut hat. Derselbe Regen kann angenehm wirken, wenn man gerade Lust auf einen ruhigen Tag zu Hause hat. Der Regen ist identisch. Das Gefühl nicht.
Gedanken können Gefühle verstärken
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang bei Gedanken, die sich immer weiter entwickeln. Eine kleine Sorge kann beispielsweise mit dem Satz beginnen: „Hoffentlich geht das gut.“ Das ist noch keine Katastrophe. Doch daraus kann werden: „Was, wenn es nicht gut geht?“ Danach vielleicht: „Was, wenn etwas völlig schiefgeht?“ Und irgendwann steht im Kopf ein Szenario, das mit dem ursprünglichen Ereignis kaum noch etwas zu tun hat. Mit jedem weiteren Gedanken kann das Gefühl stärker werden. Das habe ich während meiner vielen Jahre mit meinen Angststörungen erlebt. Grübeleien, Katastrophendenken, Kopfkino. Belangloses im Alltag wurde zum Drama durch meine Gedanken.
Ähnliches passiert bei Erinnerungen. Ein alter Streit kann Jahre später wieder auftauchen. Das Ereignis selbst liegt längst zurück, doch die Erinnerung daran kann Ärger oder Traurigkeit auslösen. Der aktuelle Moment ist ruhig. Die Gedanken holen einen vergangenen Moment wieder hervor.
Das zeigt, dass Gefühle nicht ausschließlich auf das reagieren, was gerade vor den Augen passiert. Vorstellungen und Erinnerungen können ebenfalls eine Rolle spielen.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, daraus zu schließen, dass wir unsere Gefühle lediglich „wegdenken“ könnten. So funktioniert der Mensch nicht. Gefühle lassen sich nicht auf Knopfdruck abschalten. Gedanken können sie beeinflussen, aber sie sind nicht der einzige Faktor.
Trotzdem ist es interessant, den eigenen Gedanken einmal zuzuhören. Nicht um sie ständig zu analysieren, sondern um zu erkennen, welche Geschichte gerade im Kopf entsteht.
„Er hat nicht geantwortet.“ – Das ist eine Beobachtung.
„Er will nichts mehr mit mir zu tun haben.“ – Das ist bereits eine Interpretation.
Zwischen beiden Sätzen liegt nur ein kleiner gedanklicher Schritt. Für das eigene Gefühl kann er allerdings einen großen Unterschied machen. Wer sich diesen Unterschied bewusst macht, erkennt manchmal, dass Gefühle auf etwas reagieren, das im Kopf bereits weiterverarbeitet wurde. Die Situation selbst ist dann nur der Ausgangspunkt. Das bedeutet nicht, dass Gefühle falsch sind. Ein Gefühl ist vorhanden und verdient diese Tatsache auch. Nur die Erklärung, die wir dafür finden, muss nicht immer stimmen.
Vielleicht ist genau diese Unterscheidung so interessant: Gefühle sind keine mathematischen Ergebnisse, die aus einer Situation automatisch entstehen. Sie stehen in Verbindung mit dem, was wir erleben, denken, erinnern und erwarten.
Deshalb kann ein einziger Gedanke eine Stimmung verändern. Und deshalb kann ein Gedanke, der zunächst völlig überzeugend klingt, später plötzlich ganz anders aussehen.




