Lernen – mit der Angst zu leben

Lernen – wie können wir trotz der Angst ein schönes Leben haben
20 Jahre mit Angst verändern den Blick auf das eigene Leben. Nicht unbedingt von heute auf morgen und schon gar nicht durch irgendeinen cleveren Satz oder gar Trick. Bei mir war es eher ein langsamer Prozess. Lange Zeit wollte ich vor allem eines: dass die Angst endlich aufhört. Verständlich. Wer Angst kennt, möchte sie nicht noch zusätzlich in seinem Alltag haben.
Irgendwann habe ich allerdings gemerkt, dass genau dieser Wunsch nach einem Leben ohne Angst selbst zum Problem werden kann. Sobald etwas im Körper anders war, wurde aufmerksam beobachtet. Ein ungutes Gefühl reichte und schon begann die Suche nach einer Erklärung. War das wieder die Angst? Kommt jetzt eine Panikattacke? Warum gerade heute? Was bedeutet das für die nächsten Tage? Damit bekam die Angst noch mehr Aufmerksamkeit.
Heute sehe ich manches aus meinen Erfahrungen anders. Angst ist für mich nichts, was ich schönreden möchte. Sie kann einem gewaltig auf die Nerven gehen, Pläne verändern und einen davon abhalten, Dinge zu tun, die man eigentlich gerne machen würde. Trotzdem habe ich gelernt, dass mein Leben nicht darauf warten muss, bis die Angst irgendwann einmal vollständig verschwunden ist. Das war keine plötzliche Erkenntnis. Es waren viele kleine Erfahrungen, gute Tage, schlechte Tage und auch genügend Situationen, in denen ich wieder in alte Muster zurückgefallen bin.
Die Angst muss nicht mehr über alles bestimmen
Früher konnte ein schlechter Tag plötzlich eine viel größere Bedeutung bekommen. Wenn die Angst wieder stärker wurde, fühlte es sich leicht so an, als sei alles Erreichte plötzlich weg. Eine Panikattacke konnte aus einem normalen Tag einen Tag machen, an dem ich nur noch darauf wartete, dass es endlich wieder besser wird.
Mit zunehmender Erfahrung habe ich angefangen, zwischen dem aktuellen Moment und meiner gesamten Geschichte zu unterscheiden. Eine schwierige Phase bedeutet nicht automatisch, dass alles wieder von vorn beginnt. Eine Panikattacke macht die guten Wochen davor nicht ungeschehen. Und ein Tag, an dem ich etwas nicht geschafft habe, sagt noch lange nicht, was morgen möglich sein wird. Diese Sichtweise hilft mir bis heute.
Natürlich funktioniert sie nicht immer. Angst ist kein Schalter, den man einfach umlegt, sobald man eine neue Erkenntnis gewonnen hat. Manchmal erwischt sie einen trotzdem kalt. Dann ist eben ein schwieriger Tag da. Früher hätte ich wahrscheinlich sehr viel Energie darauf verwendet, diesen Zustand möglichst schnell wieder loszuwerden. Heute versuche ich eher, ihn nicht noch zu vergrößern. Das bedeutet nicht, dass ich die Angst einfach hinnehme oder mich mit Einschränkungen zufriedengebe. Es geht um etwas anderes: Ich möchte nicht mehr jede Entscheidung danach treffen, ob die Angst damit einverstanden ist. Diese Veränderung kann erstaunlich viel ausmachen.
Wenn ich etwas unternehmen möchte, frage ich mich deshalb eher, was ich selbst eigentlich will. Natürlich kann die Antwort manchmal trotzdem lauten: Heute lieber nicht. Aber sie soll nicht automatisch aus der Angst kommen. Gerade nach vielen Jahren mit Angst ist das wichtig. Man verliert sonst leicht den Blick dafür, was man selbst möchte und was man nur deshalb nicht tut, weil es unangenehm werden könnte.
Dabei geht es nicht darum, plötzlich besonders mutig zu sein. Mut kann etwas sehr Unspektakuläres sein. Vielleicht fährt man trotz eines unguten Gefühls zum nächsten Ort. Vielleicht bleibt man bei einer Verabredung, obwohl man kurz überlegt, wieder nach Hause zu fahren. Oder man probiert etwas aus, das man lange vermieden hat. Solche Erfahrungen sind für mich wertvoller als große Sprüche über Stärke.
Denn irgendwann merkt man: Ich kann Angst haben und trotzdem handeln.
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen einem Leben, das von Angst bestimmt wird, und einem Leben, in dem Angst zwar vorkommt, aber nicht alles entscheidet.
Mit der Angst leben heißt nicht, auf Lebensfreude zu verzichten
Eine der wichtigsten Erfahrungen war für mich, dass Angst und Lebensfreude gleichzeitig existieren können.
Das klingt eigentlich selbstverständlich. Wenn man aber lange mit Angst lebt, vergisst man es leicht. Dann entsteht schnell die Vorstellung, dass zuerst alles wieder in Ordnung sein muss und anschließend das schöne Leben beginnen kann. Nur wann ist alles wieder in Ordnung? Auf diesen Zeitpunkt kann man sehr lange warten.
Deshalb habe ich angefangen, die schönen Dinge nicht mehr davon abhängig zu machen, wie es mir gerade mit der Angst geht. Ein gutes Gespräch wird nicht weniger schön, nur weil am selben Tag Angst vorhanden war. Oder der Spaziergang kann guttun, auch wenn die Gedanken vorher völlig durcheinander waren. Auch dieses Lachen bleibt ein Lachen. Gerade diese kleinen Dinge bekommen dadurch eine andere Bedeutung.
Es muss nicht immer etwas Großes passieren. Manchmal reicht ein Nachmittag, an dem man sich wohlfühlt. Ein Essen, auf das man sich gefreut hat. Dieser eine Mensch, mit dem man gerne zusammen ist. Oder, das Hobby, bei dem man für eine Weile nicht ständig über die eigene Angst nachdenkt. Solche Momente können leicht übersehen werden, wenn man die gesamte Aufmerksamkeit auf das richtet, was nicht funktioniert.
Auch Hoffnung hat für mich deshalb nichts mit der Vorstellung zu tun, dass morgen plötzlich alles anders sein wird. Hoffnung bedeutet eher, sich die Möglichkeit offenzuhalten, dass sich etwas verändern kann. Vielleicht langsamer als gewünscht. Vielleicht anders als erwartet. Aber eben nicht ausgeschlossen.
Nach vielen Jahren mit Angst finde ich diesen Gedanken wesentlich hilfreicher als den Druck, unbedingt wieder genauso werden zu müssen wie früher. Vielleicht werde ich manche Dinge immer anders erleben als jemand, der nie mit starken Ängsten zu kämpfen hatte. Das muss aber nicht bedeuten, dass mein Leben deshalb weniger wert ist oder weniger schöne Momente haben kann. Im Gegenteil: Gerade wer weiß, wie belastend Angst sein kann, nimmt einen unbeschwerten Moment manchmal besonders bewusst wahr. Auch das gehört für mich zum Lernen.
Nicht jeder Tag muss ein Erfolg sein. Und nicht jede Angst muss sofort verschwinden. Manchmal ist es einfach ein ganz normaler Tag, an dem die Angst dabei ist und trotzdem etwas Schönes passiert. Damit kann ich heute wesentlich besser umgehen als früher.
Die Angst gehört zu meiner Geschichte. Sie hat Spuren hinterlassen und meinen Weg beeinflusst. Und ja, die Angst hat mir manches schwer gemacht und sicher auch Entscheidungen geprägt. Verleugnen möchte ich das nicht. Aber irgendwann habe ich verstanden, dass eine Geschichte nicht nur aus dem besteht, was schwierig war. Da sind genauso die Menschen, die mir wichtig sind, die Dinge, über die ich lachen kann, meine Interessen, meine Erfahrungen und all das, was ich noch erleben möchte.
Genau deshalb möchte ich mein Leben nicht mehr auf die Frage reduzieren, wann die Angst endlich weg ist.
Die interessantere Frage lautet für mich inzwischen: Was kann ich heute mit meinem Leben anfangen, obwohl die Angst manchmal dabei ist? Darauf gibt es nicht jeden Tag dieselbe Antwort.
Aber immerhin ist es wieder eine Frage, bei der ich entscheide.






