Generalisierte Angststörung – wenn die Sorgen nicht mehr aufhören

„Was hatte ich Angst!“ Diesen Satz kennen wahrscheinlich die meisten Menschen
Wir erschrecken, machen uns Sorgen, haben eine schwierige Situation vor uns oder warten auf eine Nachricht, bei der wir nicht wissen, was dabei herauskommt. Dann ist die Anspannung da und irgendwann ist sie wieder verschwunden. Genau das gehört für mich zum normalen Leben. Eine Angst kommt, beschäftigt uns eine Weile und verliert anschließend wieder ihre Bedeutung.
Bei einer generalisierten Angststörung kann es ganz anders aussehen. Die Sorgen hören nicht einfach auf. Ist ein Gedanke gerade vorbei, steht schon der nächste vor der Tür. Und so habe ich es über viele Jahre erlebt. Kaum war eine Befürchtung einigermaßen abgearbeitet, tauchte die nächste auf. Meine Gesundheit, die Familie, die Arbeit, meine finanzielle Situation, mögliche Unfälle oder Krankheiten – eigentlich konnte aus fast jeder Alltagssituation ein Grund zum Grübeln werden. Besonders belastend war dabei, dass viele dieser Gefahren gar nicht wirklich vorhanden waren. Sie entstanden in meinem Kopf. Trotzdem fühlten sie sich unglaublich real an. Mein Kopfkino konnte aus einem kleinen Gedanken innerhalb weniger Minuten ein komplettes Katastrophenszenario machen. Rückblickend würde ich sagen: Ich lebte nicht mehr wirklich im Augenblick, sondern ständig in einer Zukunft, die vielleicht überhaupt nicht eintreten würde. Später entwickelten sich dann auch die Angst vor dem Einkaufen und diese Angst vor dem Autofahren. Das war ein Prozess, denn die Ängste griffen in mein ganzes Leben ein. Angst vor Alleinsein. Es war im Grunde immer eine Zukunftsangst.
Generalisierte Angststörung und von einer Sorge zur nächsten
Ich kenne dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und schon nach kurzer Zeit wieder mitten in irgendwelchen Sorgen zu stecken. Es war nicht so, dass ich mich bewusst hinsetzte und sagte: „Jetzt mache ich mir einmal Gedanken darüber, was heute alles schiefgehen könnte.“ Das passierte automatisch. Ein kleiner Gedanke reichte aus und schon lief der Film. Irgendwann kamen auch meine Hypochondrie und eine starke soziale Angst dazu. Körperliche Veränderungen wurden sofort bewertet und auf mögliche Krankheiten untersucht. In Gesellschaft konnte ich mich zeitweise kaum noch entspannen, weil ich ständig befürchtete, eine Panikattacke zu bekommen. Vielleicht würde mir plötzlich schwindelig werden. Oder plötzlich würde mein Herz rasen. Möglicherweise blamiere ich mich vor anderen Menschen. Es gab immer ein „Was wäre, wenn …?“. Und das passierte mir auch beim Einkaufen oder später auch beim Autofahren.
Ich war schon als junger Mensch eher ängstlich. Lange Zeit konnte ich diese Seite meines Lebens allerdings unter Kontrolle halten oder verdrängen. Mit zunehmendem Alter und der immer stärkeren Beschäftigung mit negativen Gedanken veränderte sich das. Die Sorgen wurden häufiger, intensiver und breiteten sich auf immer mehr Lebensbereiche aus. Irgendwann war die Angst nicht mehr nur eine Reaktion auf bestimmte Situationen. Sie wurde zu einer Art Grundgefühl, das mich durch den Tag begleitete. Mein Körper reagierte ebenfalls darauf. Ich war oft nervös und unruhig, wurde schnell gereizt, hatte Herzrasen, Schwindel und Probleme mit Magen und Darm. Dazu kamen Schlafprobleme und immer wieder Panikattacken. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, mit mir stimme etwas grundsätzlich nicht oder ich könnte irgendwann völlig die Kontrolle verlieren. Genau das macht eine solche Angst so erschöpfend: Man beschäftigt sich irgendwann nicht mehr nur mit seinen Sorgen, sondern zusätzlich damit, wie man diese Sorgen endlich wieder loswerden kann.
Angststörung – die Kindheit kann eine wichtige Rolle spielen
Erst während meiner Therapie begann ich zu verstehen, woher ein Teil dieser ständigen Alarmbereitschaft gekommen sein könnte. Meine Eltern waren selbst sehr ängstliche Menschen und machten sich häufig Sorgen. Besonders die Gesundheit meiner Mutter war bei uns zu Hause ständig ein Thema. Beschwerden wurden schnell dramatisch bewertet, Krankheiten standen immer wieder im Raum und Entspannung war dadurch nicht gerade die Grundstimmung meiner Kindheit. Gleichzeitig wurde ich sehr behütet erzogen, aber es gab auch Situationen, in denen ich mich emotional zurückgewiesen fühlte, wenn ich nicht so reagierte, wie meine Mutter es erwartete. Als Kind versteht man solche Zusammenhänge nicht. Man erlebt sie einfach. Ich lernte dadurch unbewusst, dass die Welt gefährlich und unberechenbar sein kann und man besser immer aufmerksam bleibt. Auch anderen Menschen zu vertrauen, fiel mir schwer. Meine Eltern lebten mir selbst vor, dass man vorsichtig sein und anderen nicht unbedingt vertrauen sollte. Rückblickend glaube ich, dass das Sorgenmachen für mich als Kind sogar eine Art Hilfsmittel wurde. Wenn zu Hause etwas schwierig oder unberechenbar war, konnte ich wenigstens versuchen, gedanklich alles vorherzusehen. Wenn ich nur genug darüber nachdachte, würde ich vielleicht verhindern können, dass etwas Schlimmes passiert. Diese Vorstellung klingt heute für mich logisch und gleichzeitig völlig verrückt. Genau daraus entstand aber über viele Jahre ein Muster: Sorgen machen, mögliche Gefahren suchen, darüber nachdenken, noch mehr Gefahren entdecken und dadurch wieder mehr Angst bekommen. Erst in der Therapie wurde mir klar, dass dieses vermeintliche Kontrollieren meine Angst nicht kleiner machte. Es hielt sie am Leben.
Angst und Gedanken gezielt überprüfen
Eine wichtige Veränderung kam für mich, als ich aufhörte, jeden Gedanken sofort für eine Tatsache zu halten. Das klingt im Nachhinein einfach, war für mich aber ein langer Lernprozess. Besonders meine soziale Angst hat mir das deutlich gezeigt. Ich war häufig überzeugt, andere Menschen würden mich beobachten, mein Verhalten kritisch beurteilen oder vielleicht sogar über mich reden.
Irgendwann erzählte ich einer vertrauten Person davon, dass ich soziale Ängste habe. Ihre Reaktion war erstaunlich schlicht: „Wie kommst du eigentlich darauf? Die Menschen, die dich kennen, mögen dich doch. Niemand hat jemals so über dich gedacht oder hinter deinem Rücken negativ über dich gesprochen.“ Dieser Satz war für mich deshalb so wichtig, weil er meine Gedanken mit der Realität verglich. Ich hatte eine Vermutung als Tatsache behandelt.
Ähnlich war es bei meiner Angst im Berufsleben. Ich machte mir ständig Sorgen, einen Fehler zu machen und dadurch vielleicht meinen Arbeitsplatz zu verlieren. Als ich meinem damaligen Chef davon erzählte, schaute er mich ebenfalls ziemlich erstaunt an. Er sagte sinngemäß, dass ich derjenige sei, den er für absolut zuverlässig halte, und Fehler nun einmal jedem Menschen passieren. Wieder hatte ich eine Geschichte im Kopf entwickelt, für die es in der Realität kaum Beweise gab.
Solche Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es sein kann, die eigenen Gedanken einmal von außen zu betrachten. Was denke ich gerade eigentlich? Gibt es dafür einen konkreten Grund? Oder läuft da gerade wieder mein persönliches Kopfkino? Über viele Jahre habe ich meine Ängste, Gedanken und Erlebnisse aufgeschrieben. Das hat die Angst nicht sofort verschwinden lassen, aber es hat mir geholfen, Muster zu erkennen. Manche Gedanken kamen immer wieder. Und irgendwann konnte ich sie als alte Bekannte erkennen, anstatt ihnen jedes Mal blind zu glauben.
Heute muss die Angst nicht mehr das Steuer übernehmen
Ich bin auch heute nicht angstfrei. Das wäre nach mehr als zwanzig Jahren mit Angststörungen auch eine unrealistische Behauptung.
Es gibt weiterhin Situationen, in denen ich mir Sorgen mache oder plötzlich eine unbegründete Angst auftaucht. Der große Unterschied zu früher besteht darin, dass ich diese Angst nicht mehr mit aller Gewalt bekämpfen möchte. Genau das habe ich jahrelang versucht und damit häufig das Gegenteil erreicht. Je mehr ich gegen die Angst ankämpfte, desto stärker beobachtete ich sie. Heute versuche ich eher, sie wahrzunehmen und zu akzeptieren. Da ist sie also wieder. Okay. Dann darf sie eben kurz da sein. Gleichzeitig schaue ich genauer hin, welcher Gedanke sie gerade ausgelöst hat. Ist etwas passiert? Gibt es eine tatsächliche Gefahr? Oder konstruiere ich gerade wieder eine mögliche Katastrophe? Diese Haltung hat mein Leben verändert. Nicht weil dadurch jede Angst verschwindet, sondern weil ich nicht mehr automatisch die nächste Gedankenspirale starte. Eine Angst kann kommen, ohne dass daraus zehn weitere Sorgen entstehen müssen. Sie kann da sein und wieder verschwinden. Genau diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht. Und vielleicht ist das für mich einer der wichtigsten Unterschiede zwischen früher und heute: Früher wollte ich unbedingt verhindern, dass ich Angst bekomme. Heute weiß ich, dass ich Angst bekommen darf. Sie ist ein Teil meiner Geschichte, aber sie muss nicht mehr mein ganzes Leben bestimmen.
