Angst vor dem Alleinsein

Warum das Alleinsein Angst machen kann
Kennst du dieses Gefühl? Plötzlich bist du allein zu Hause und obwohl eigentlich alles in Ordnung ist, macht sich eine seltsame Unruhe breit. Eben war noch alles normal und wenige Minuten später tauchen Gedanken auf wie: „Was ist, wenn jetzt etwas passiert?“ Oder: „Was mache ich, wenn ich plötzlich eine Panikattacke bekomme?“
Vielleicht kennst du genau solche Situationen.
Es gibt viele Gründe, warum wir uns allein fühlen können. Manchmal fehlt uns einfach ein Mensch zum Reden. Vielleicht sind wir krank, fühlen uns unsicher oder befinden uns gerade in einer schwierigen Lebensphase. Dann ist es ganz normal, sich jemanden an seiner Seite zu wünschen.
Es gibt aber auch eine andere Form des Alleinseins.
Obwohl eigentlich gar nichts passiert ist, entsteht plötzlich Angst. Nicht, weil wir wirklich verlassen wurden oder niemanden haben. Sondern weil allein der Gedanke, jetzt auf uns selbst gestellt zu sein, Unruhe auslöst. Genau diese Erfahrung habe ich während meiner Angststörung gemacht.
Alleinsein – als das Kopfkino plötzlich begann
Während der schwersten Zeit meiner Angststörung passierte mir das immer wieder.
Ich war allein zu Hause. Eigentlich ein ganz normaler Tag. Nichts Besonderes war passiert. Doch plötzlich wurde mir bewusst: „Du bist gerade ganz allein.“
Dieser eine Gedanke genügte. Innerhalb weniger Sekunden begann mein Kopf, die schlimmsten Geschichten zu erfinden.
„Was ist, wenn dir jetzt schwindelig wird?“
„Was ist, wenn du eine Panikattacke bekommst?“
„Wer hilft dir dann?“
„Was passiert, wenn du einen Herzinfarkt bekommst?“
Von außen betrachtet gab es überhaupt keinen Grund für diese Ängste.
In meinem Kopf fühlte sich jedoch alles vollkommen real an.
Je länger ich darüber nachdachte, desto stärker wurde die Angst. Mein Herz begann schneller zu schlagen, ich wurde unruhig und hatte das Gefühl, sofort jemanden anrufen zu müssen. Manchmal wartete ich sehnsüchtig darauf, dass meine Frau endlich nach Hause kam.
Damals verstand ich überhaupt nicht, warum ich so reagierte. Heute weiß ich, dass nicht das Alleinsein mein Problem war.
Es waren meine Gedanken.
Woher kommt diese Angst?
Während meiner Psychotherapie wurde mir langsam bewusst, dass diese Angst vermutlich mehrere Ursachen hatte.
Zum einen spielte meine Angststörung natürlich eine große Rolle. Wer ohnehin ständig mit Sorgen und Katastrophengedanken lebt, empfindet das Alleinsein oft als viel belastender.
Hinzu kamen allerdings Erfahrungen aus meiner Kindheit. Ich wurde einerseits sehr behütet erzogen. Andererseits gab es auch Situationen, in denen ich Liebesentzug erlebte, wenn ich nicht so funktionierte, wie meine Mutter es erwartete. Damals verstand ich das nicht. Heute glaube ich, dass dadurch ein Teil meiner Unsicherheit entstanden ist. Vielleicht entwickelte sich genau deshalb dieses starke Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit.
Erstaunlicherweise war mir viele Jahre gar nicht bewusst, dass ich eigentlich Angst vor dem Alleinsein hatte. Ich dachte immer, meine Angst hätte ausschließlich mit Panikattacken zu tun.
Erst später stellte ich mir eine entscheidende Frage.
Wovor habe ich eigentlich wirklich Angst?
Vor der Einsamkeit? Vor dem Verlassenwerden? Oder davor, mit meinen Ängsten plötzlich ganz allein zu sein?
Bei mir war es eindeutig das Letzte.
Diese Erkenntnis war für mich unglaublich wichtig. Nicht das Alleinsein machte mir Angst. Ich hatte Angst davor, dass meine Gedanken wieder verrücktspielen würden. Sobald ich allein war, begann ich zu grübeln. Eine Sorge führte zur nächsten. Aus einer kleinen Unsicherheit entstand innerhalb kurzer Zeit wieder ein kompletter Katastrophenfilm.
Je länger ich darüber nachdachte, desto schlechter ging es mir.
Hinzu kam, dass ich damals überhaupt nicht mit mir selbst im Reinen war. Mein Selbstbewusstsein befand sich praktisch auf dem Nullpunkt. Ich war unzufrieden mit mir selbst und schaffte es kaum, mich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren.
Mein Kopf hatte ständig Zeit, neue Sorgen zu produzieren. Rückblickend war genau das der entscheidende Punkt.
Ich musste nicht das Alleinsein verändern, sondern lernen, anders mit meinen Gedanken umzugehen.
Mein kleiner Plan gegen das Gedankenkarussell
Irgendwann fasste ich einen Entschluss. Ich wollte nicht länger nur darauf warten, dass meine Frau nach Hause kommt oder die Zeit irgendwie vorbeigeht. Also begann ich, meine Tage bewusst zu planen. Nicht übertrieben streng, sondern mit einer einfachen Struktur.
Morgens ging ich mit unseren Hunden spazieren. Die Natur tat mir gut. Während ich unterwegs war, konzentrierte ich mich auf die Umgebung, auf die frische Luft und auf die Hunde. Danach arbeitete ich im Garten. Es gab immer irgendetwas zu tun. Mal pflanzte ich etwas, mal räumte ich auf oder veränderte eine kleine Ecke. Zwischendurch hörte ich Musik, erledigte etwas im Haushalt oder bereitete Kleinigkeiten vor, damit meine Frau später weniger Arbeit hatte.
Das Besondere daran war gar nicht die Arbeit selbst. Ich war beschäftigt. Mein Kopf hatte viel weniger Zeit, ständig neue Katastrophen zu entwickeln. Schon nach wenigen Tagen bemerkte ich erste Veränderungen.
Die Angst wurde etwas schwächer. Meine Gedanken wurden ruhiger. Ich war körperlich ausgelastet und abends angenehm müde.
Vor allem hatte ich wieder das Gefühl, meinen Tag selbst zu gestalten.
Aus Angst wurde plötzlich etwas Schönes
Was mich selbst am meisten überrascht hat, war eine ganz andere Erfahrung. Nach einiger Zeit konnte ich das Alleinsein plötzlich genießen. Früher hätte ich nie gedacht, dass ich diesen Satz einmal sagen würde.
Ich konnte selbst entscheiden, wie mein Tag aussieht. Niemand machte mir Vorgaben. Ich hatte Zeit für Dinge, die mir Freude bereiteten. Und gleichzeitig freute ich mich darauf, wenn meine Frau mittags oder später nach Hause kam. Dann erzählten wir uns gegenseitig, wie unser Tag verlaufen war.
Das Alleinsein fühlte sich auf einmal nicht mehr wie Einsamkeit an. Es war einfach Zeit für mich. Dieser Unterschied war für mich unglaublich wichtig.
Heute weiß ich, dass Alleinsein und Einsamkeit zwei völlig verschiedene Dinge sind. Man kann allein sein und sich trotzdem wohlfühlen. Genauso kann man mitten unter vielen Menschen sitzen und sich einsam fühlen.
Was mir bis heute hilft
Natürlich gibt es auch heute noch Tage, an denen sich die alte Unsicherheit kurz meldet. Das gehört für mich inzwischen einfach dazu. Der Unterschied ist jedoch, dass ich diese Gefühle nicht mehr sofort bekämpfe. Ich akzeptiere sie. Ich weiß inzwischen, dass sie wieder vorbeigehen.
Außerdem habe ich gelernt, wie wichtig eine gewisse Struktur ist. Wer den ganzen Tag nur auf dem Sofa sitzt und seinen Gedanken zuhört, gibt ihnen sehr viel Raum. Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Minute verplant sein muss. Mir persönlich hilft es aber, meinem Tag einen kleinen Rahmen zu geben.
Genauso wichtig ist es, sich schöne Aufgaben zu suchen. Dinge, die Freude machen, den Körper bewegen oder den Kopf beschäftigen. Das können Spaziergänge sein, Gartenarbeit, Musik, Lesen oder ein Hobby, das man vielleicht lange vernachlässigt hat.
Vor allem habe ich gelernt, geduldig mit mir selbst zu sein. Früher wollte ich möglichst schnell wieder „normal“ werden. Heute weiß ich, dass Veränderungen Zeit brauchen. Wenn die Angst auftaucht, bedeutet das nicht automatisch, dass ich wieder ganz am Anfang stehe. Sie ist einfach ein Teil meines Weges.
Falls du selbst Angst vor dem Alleinsein hast, möchte ich dir zum Schluss noch etwas mitgeben.
Du bist damit nicht allein. Viele Menschen kennen dieses Gefühl, sprechen aber kaum darüber. Gerade bei einer Angststörung kann das Alleinsein sehr belastend werden. Nicht weil wir tatsächlich hilflos sind, sondern weil unser Kopf uns ständig erzählt, dass gleich etwas Schlimmes passieren könnte.
Aus eigener Erfahrung kann ich dir jedoch sagen: Diese Gedanken müssen nicht für immer dein Leben bestimmen.
Mir haben geholfen: meine Angst anzunehmen, meinen Tagen wieder eine Struktur zu geben und Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu sammeln. Irgendwann stellte ich fest, dass ich gar nicht vor dem Alleinsein Angst hatte. Ich hatte Angst vor meinen eigenen Gedanken. Als sich diese langsam veränderten, veränderte sich auch mein Gefühl.
Heute genieße ich viele Stunden, die ich allein verbringe. Nicht weil plötzlich alles perfekt geworden ist, sondern weil ich gelernt habe, dass ich mir selbst wieder vertrauen kann. Und genau dieses Vertrauen ist vielleicht das schönste Gefühl, das man nach einer langen Zeit der Angst zurückgewinnen kann.
Und dann, eines Tages, hatte ich diese Idee, spontan. Warum nicht einen Blog schreiben über deine Angststörung? Vielleicht sind diese Erfahrungen für andere Menschen hilfreich.
Also startete ich: erste Informationen und das Lernen. Und dann die Praxis. Bis heute habe ich unglaublich viel Spaß am Bloggen.
Nach und nach sind diese Seiten/Blogs entstanden und sie werden wahrscheinlich niemals fertig sein. Und das ist auch gut so.





