Liebesentzug und Kontrolle – wie meine Erziehung mich geprägt hat

Kindheit – Erziehung – Angst und Panik
Wenn ich heute auf meine Kindheit zurückblicke, verstehe ich vieles anders als früher. Als Kind konnte ich nicht benennen, was in unserer Familie passierte. Ich wusste nur, dass ich mich anpassen musste, dass bestimmte Dinge erwartet wurden und die Stimmung zu Hause nicht immer vorhersehbar war. Erst als Erwachsener habe ich angefangen, diese Erfahrungen miteinander zu verbinden, und konnte sie auf das Heute beziehen.
Ein besonders wichtiger Punkt ist für mich dabei der Liebesentzug. Zuneigung und Nähe waren nicht einfach selbstverständlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich richtig verhalten musste, damit alles in Ordnung blieb. Widerspruch oder ein Verhalten, das meiner Mutter nicht passte, konnten Konsequenzen haben. Dann wurde es kühl, es wurde geschwiegen oder ich hatte das Gefühl, dass ich etwas falsch gemacht hatte.
Für ein Kind ist das etwas anderes als für einen Erwachsenen. Ein Erwachsener kann sagen: Das ist ihr Verhalten, nicht meine Schuld. Ein Kind denkt eher: Was habe ich falsch gemacht? Was muss ich tun, damit wieder alles gut ist? Ich bin schuld!
Ich wollte es meiner Mutter recht machen
Als Kind war ich eher ruhig, zurückhaltend und gehemmt. Ich hatte Freunde und habe mit anderen Kindern gespielt, aber ich war nicht so unbeschwert und selbstbewusst wie manche anderen. Heute sehe ich darin einen Zusammenhang.
Wenn man früh lernt, auf die Stimmung eines Elternteils zu achten, entwickelt man ein ziemlich feines Gespür dafür, was gerade erwartet wird. Ich wollte keinen Ärger und wollte möglichst alles richtig machen. Eigene Wünsche oder Vorstellungen traten dabei schnell in den Hintergrund.
Meine Mutter hatte viele Vorgaben. Was ich tun sollte, was ich lassen sollte, wie ich mich verhalten sollte. Vieles wurde kontrolliert und überwacht. Eigenständigkeit war für mich deshalb nicht unbedingt etwas, das sich selbstverständlich angefühlt hat. Ich habe mich angepasst oder es zumindest versucht. Und Anpassung kann irgendwann zur Gewohnheit werden. Man denkt dann nicht mehr: Ich möchte das eigentlich gar nicht.
Man denkt zuerst: Was wird von mir erwartet?
Als Kind war ich ständig mit den Problemen meiner Eltern direkt konfrontiert. Hatte meine Mutter wieder mal ein Problem, mit sich selbst oder anderen Menschen, wurde es lautstark artikuliert und meine Mutter war ständig hysterisch. Sie schimpfte über andere Menschen, „wie schlecht und unzuverlässig sie seien“, ganz gleich ob innerhalb der Familie oder „Fremde“.
Ich kenne es gar nicht, dass meine Eltern irgendwann mal Freunde hatten oder nahestehende Personen. Und wenn mal jemand kam, war es schnell wieder vorbei, weil meiner Mutter etwas an diesen Menschen nicht passte.
Kontrolle statt Vertrauen
Überbehütung und Kontrolle können auf den ersten Blick sogar wie Fürsorge aussehen. Ein Elternteil möchte schließlich wissen, wo das Kind ist, was es macht und ob alles in Ordnung ist.
Bei mir ging es aber nach meiner heutigen Wahrnehmung weiter. Ich hatte wenig Raum, Dinge selbst auszuprobieren und eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn jemand ständig für einen mitdenkt, entscheidet und kontrolliert, entsteht nicht automatisch Selbstvertrauen. Im Gegenteil: Irgendwann kann die Frage entstehen, ob man es allein überhaupt richtig machen kann. Das passt zu dem Kind, das ich damals war.
Andere konnten sich durchsetzen. Ich konnte das weniger. Andere gingen einfach los, im Gegensatz dazu beobachtete erst einmal abwartend. Andere sagten ihre Meinung. Ich überlegte lieber, ob es Ärger geben könnte.
Ich hatte gelernt, vorsichtig zu sein. Und diese Vorsicht hat mich lange begleitet.
Wenn Schweigen zur Strafe wird
Besonders belastend war für mich der Liebesentzug. Wenn ich etwas tat oder sagte, das meiner Mutter nicht passte, konnte sich die Atmosphäre plötzlich verändern. Schweigen kann für ein Kind sehr mächtig sein. Oder der eindeutige Hinweis meiner Mutter: „Ich habe dich lieb, wenn du das tust, was ich von dir verlange.“
Es muss gar kein lauter Streit stattfinden. Manchmal reicht schon das Gefühl: Jetzt ist sie wieder kalt zu mir. Als Kind möchte man die Nähe der Mutter nicht verlieren. Also versucht man, herauszufinden, was man tun muss, damit diese Nähe wieder da ist.
Genau daraus kann ein Muster entstehen: Anpassen, um nicht abgelehnt zu werden.
Heute erkenne ich dieses Muster bei mir wieder. Die Angst vor Ablehnung, die Schwierigkeit, mich durchzusetzen, das Bedürfnis, möglichst nichts falsch zu machen – vieles davon passt zu dem Kind, das ich einmal war.
Krankheitsängste meiner Mutter gehörten ebenfalls dazu
Zu dieser Geschichte gehört auch die starke Krankheitsangst meiner Mutter, über die ich bereits geschrieben habe. Schon als Kind habe ich erlebt, wie aus einem kleinen körperlichen Zipperlein etwas sehr Bedrohliches werden konnte. Meine Mutter konnte sich in die Vorstellung hineinsteigern, schwer krank zu sein, und hatte immer wieder Angst vor Krebs.
Damals konnte ich das nicht einordnen. Heute denke ich darüber anders nach.
Wenn ein Kind ständig erlebt, dass körperliche Beschwerden Anlass für große Angst sind, kann sich das eigene Verhältnis zum Körper und zu Krankheiten verändern. Ich kann nicht sagen, dass genau dadurch meine spätere Krankheitsangst entstanden ist. Aber diese Erfahrungen gehören für mich eindeutig zu meiner Geschichte. Und wenn ich später selbst jedes körperliche Signal besonders aufmerksam wahrgenommen habe, kommt mir manches aus meiner Kindheit sehr bekannt vor.
Ich habe irgendwann an mir selbst gezweifelt
Eine weitere Folge dieser Erziehung war für mich ein mangelndes Vertrauen in mich selbst.
Wenn man häufig das Gefühl bekommt, etwas falsch zu machen, beginnt man irgendwann, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Habe ich das richtig gemacht? War das falsch? Darf ich das überhaupt? Habe ich jetzt wieder jemanden enttäuscht?
Solche Fragen können sich festsetzen. Heute würde ich das als chronische Selbstzweifel beschreiben. Damals war es einfach mein normales Denken.
Dazu kam eine starke Angst vor Bewertung. Ich wollte nicht unangenehm auffallen, keinen Fehler machen und möglichst niemanden gegen mich aufbringen.
Das erklärt für mich auch einen Teil meiner damaligen Hemmungen. Ich hatte nicht einfach „zu wenig Selbstbewusstsein“. Ich hatte gelernt, mich selbst zurückzunehmen.
Was davon bis heute geblieben ist
Ich möchte meiner Mutter heute nicht nachträglich eine psychische Diagnose geben. Wenn ich von narzisstischen Verhaltensweisen spreche, dann beschreibe ich damit das, was ich selbst erlebt und später für mich so eingeordnet habe. Ob eine bestimmte Diagnose tatsächlich zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Und was wichtig ist: Das wurde mir eindeutig während meiner Therapie bestätigt. Es fiel auch der Hinweis, dass das Verhalten meiner Mutter „emotionaler Kindsmissbrauch“ gewesen sei.
Ich habe lange mit geringem Selbstwertgefühl gelebt. Und dann diese Angst vor Ablehnung und Verlust. Diese Anpassung und meine eigenen Bedürfnisse nicht unbedingt an die erste Stelle setzen. Ja, und dann die Angststörung mit Panikattacken.
Seit etwa 20 Jahren spielt Angst in meinem Leben eine besonders große Rolle. Panik, gesundheitliche Sorgen und die Angst vor der Angst haben mein Leben teilweise stark beeinflusst.
Wenn ich heute beide Seiten nebeneinanderstelle – meine Kindheit und meine spätere Angstgeschichte –, sehe ich zumindest eine auffällige Verbindung.
Als Kind hatte ich Angst, etwas falsch zu machen und dadurch Nähe oder Zuwendung zu verlieren. Später hatte ich Angst vor Krankheiten, vor körperlichen Symptomen, vor Panik und davor, die Kontrolle zu verlieren.
Ich bin nicht nur das Kind von damals
Trotzdem möchte ich heute nicht mein gesamtes Leben auf meine Kindheit reduzieren. Ich bin nicht mehr das Kind, das darauf warten muss, ob die Mutter gerade zufrieden oder enttäuscht ist. Ich muss heute nicht mehr alles richtig machen, damit mir jemand seine Zuneigung zeigt. Das zu erkennen, hat lange gedauert.
Vielleicht ist das auch ein wichtiger Teil meiner persönlichen Geschichte: zu verstehen, dass bestimmte Ängste eine Vergangenheit haben können, ohne dass sie deshalb meine Zukunft bestimmen müssen.
Meine Kindheit kann erklären, warum ich bestimmte Dinge heute so empfinde. Sie nimmt mir aber nicht die Verantwortung dafür ab, wie ich heute mit mir selbst umgehe.
Genau darüber möchte ich auf angst-erfahrungen.de weiterschreiben. Nicht theoretisch und nicht mit irgendwelchen fertigen Lebensweisheiten, sondern aus meiner eigenen Erfahrung heraus.




