Mut trotz Angst – das ist möglich

Wie werde ich trotz Angst mutiger?

Mut trotz Angst – das ist möglich

Über Mut wird viel gesprochen, gerade wenn wir an einer Angststörung oder Panikattacken leiden. Oft klingt es so, als wäre ein mutiger Mensch jemand, der sich nichts daraus macht, wenn etwas schwierig wird. Einer, der einfach losgeht, keine Zweifel hat und sich von nichts aufhalten lässt. Ja, es gibt diese Menschen, die einfach nicht ängstlich erscheinen. Aber, innerlich können sie trotzdem Angst haben, und nach außen genau die Zweifel und Unsicherheiten verbergen.

Für mich steckt im Ausdruck „Mut trotz Angst“ deshalb etwas viel Tieferes. Mut beginnt nicht erst dann, wenn die Angst verschwunden ist. Er kann genau in dem Moment entstehen, in dem man merkt: Ich habe Angst – aber ich möchte trotzdem nicht alles davon abhängig machen. Das ist etwas völlig anderes als die Vorstellung, Angst müsse zuerst besiegt werden. Ein Mensch kann ängstlich sein und trotzdem bleiben. Er kann unsicher sein und trotzdem einen Schritt machen. Darin liegt für mich der eigentliche Mut.

Angst hat dabei ihre Berechtigung. Sie gehört zu unserem Leben und erfüllt eine wichtige Aufgabe. Wenn eine reale Gefahr auftaucht, sorgt sie dafür, dass wir aufmerksam werden und reagieren. Problematisch wird es dort, wo die Angst immer mehr das Leben übernimmt, obwohl gar keine entsprechende Gefahr vorhanden ist. Dann geht es plötzlich nicht mehr nur darum, vorsichtig zu sein. Man sagt Treffen mit anderen Menschen ab. Oder vermeidet bestimmte Orte, verschiebt Vorhaben oder lässt Dinge ganz bleiben. Mit jeder vermiedenen Situation kann sich die Welt für uns verändern. Dieses Vermeidungsverhalten schränkt unser Leben ein, damit auch die Chancen und Möglichkeiten, die wir haben.

Gerade deshalb gefällt mir der Gedanke, Mut nicht mit Angstfreiheit gleichzusetzen. Mut trotz Angst bedeutet für mich nicht: „Ich muss jetzt alles schaffen.“ Es geht auch nicht darum, sich selbst mit Gewalt in Situationen zu werfen, die uns überfordern. Der interessante Punkt liegt viel näher am normalen Alltag. Was möchte ich eigentlich tun, obwohl meine Angst mir davon abrät? Welche Dinge sind mir wichtig genug, dass ich ihnen wieder etwas Raum geben möchte? Und wo kann ich einen kleinen Schritt machen, ohne von mir zu verlangen, gleich zehn Schritte auf einmal zu gehen?

Mut – wenn die Angst mitkommt

Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Ich habe Angst“ und „Ich kann das nicht“. Der erste Satz beschreibt ein Gefühl. Der zweite macht daraus ein Urteil über die eigenen Möglichkeiten. Genau diese Verbindung kann einem das Leben schwer machen. Aus einer unangenehmen Erfahrung wird schnell eine feste Überzeugung: Das ist nichts für mich. Ich schaffe das nicht. Das wird bestimmt wieder schiefgehen.

Dabei wissen wir vorher oft gar nicht, wie eine Situation tatsächlich verlaufen wird. Angst beschäftigt sich gerne mit dem, was passieren könnte. Sie produziert Szenarien, bewertet Risiken und sucht nach möglichen Problemen. Das kann nützlich sein, wenn eine wirkliche Gefahr erkannt werden muss. Im Alltag führt es aber manchmal dazu, dass eine Situation bereits als gescheitert betrachtet wird, bevor sie überhaupt stattgefunden hat.

Hier kann Mut ganz einfach aussehen. Vielleicht steht ein Telefonat an, das man schon seit Tagen vor sich herschiebt. Möglicherweise haben wir es immer wieder vermieden, den Supermarkt aufzusuchen. Oder diese Autofahrt, die uns etwas Angst macht. Das Gespräch mit dem Chef steht noch aus. All das kann uns Angst machen.

Der mutige Schritt muss dann nicht darin bestehen, plötzlich völlig entspannt zu sein. Es reicht zunächst, die eigene Entscheidung nicht vollständig der Angst zu überlassen. Ich bin nervös, aber ich rufe trotzdem an. Ich habe Bedenken, aber ich fahre trotzdem los. Ich weiß nicht, wie es wird, aber ich möchte es versuchen.

Das Ergebnis muss nicht perfekt sein oder absolut unseren Vorstellungen entsprechen. Genau das finde ich wichtig. Wenn Mut nur dann zählt, wenn alles problemlos funktioniert, wird daraus schnell ein neuer Leistungsdruck. Dann steht man nach einem schwierigen Versuch wieder da und denkt: Ich habe es nicht geschafft. Dabei kann auch ein unvollkommener Versuch wertvoll sein. Man hat etwas ausprobiert, eine Erfahrung gemacht und vielleicht festgestellt, dass die eigene Befürchtung nicht ganz so eingetroffen ist wie erwartet.

Auch Rückschritte gehören dazu. Wer heute etwas schafft, kann morgen wieder einen schlechten Tag haben. Eine Panikattacke kann nach einer längeren ruhigen Phase auftauchen. Eine Situation, die zuletzt gut funktioniert hat, kann plötzlich wieder schwerfallen. Das macht die frühere Erfahrung nicht wertlos. Es bedeutet lediglich, dass Angst kein geradliniger Gegner ist, den man einmal besiegt und anschließend nie wieder sieht.

Vielleicht liegt gerade darin eine realistischere Vorstellung von Mut. Er ist kein Dauerzustand. Niemand muss jeden Tag tapfer sein. Es gibt Tage, an denen man sich zurückzieht, und andere, an denen man wieder mehr wagt. Entscheidend ist nicht, jeden Kampf zu gewinnen. Entscheidend ist, dass die Angst nicht automatisch über jede wichtige Entscheidung bestimmt.

Mut ist keine Heldengeschichte

Mit dem Wort Mut verbinden wir schnell große Dinge. Menschen, die in gefährlichen Situationen handeln, schwierige Entscheidungen treffen oder etwas Außergewöhnliches leisten. Diese sogenannten Helden, die wir aus den Filmen kennen. Für jemanden mit Angst kann Mut jedoch ganz anders aussehen. Ein Schritt, den niemand bemerkt, kann persönlich wesentlich größer sein als eine spektakuläre Tat, die von allen bewundert wird.

Deshalb sollte man sich auch nicht mit anderen vergleichen. Was für einen Menschen völlig normal ist, kann für einen anderen eine enorme Herausforderung darstellen. Wer seit Jahren mit Angst lebt, weiß, dass ein ganz gewöhnlicher Einkauf, eine Autofahrt oder ein Treffen unter Umständen viel Energie kosten kann. Wenn es trotzdem gelingt, ist das nicht weniger wert, nur weil niemand applaudiert.

Mut bedeutet außerdem nicht, die Angst kleinzureden. „Stell dich nicht so an“ hat noch niemandem geholfen, der gerade wirklich Angst erlebt. Ebenso wenig bringt es etwas, sich einzureden, man dürfe keine Angst haben. Gefühle lassen sich nicht durch einen Befehl abschalten. Viel hilfreicher ist die Frage, was man mit der vorhandenen Angst anfangen möchte.

Vielleicht kann sie dabei sein, ohne die Hauptrolle zu bekommen, sondern eher diese kleine Statistenrolle in unserem Film. Und wer weiß, ob wir nicht doch die Helden in unserem eigenen Kopfkino werden?

Dieser Gedanke gefällt mir besonders, weil er den Blick wieder auf das Leben richtet. Es geht nicht ausschließlich darum, was Angst verhindert. Es geht auch darum, was einem wichtig ist. Beziehungen, Interessen, Reisen, Hobbys, kleine Unternehmungen, neue Erfahrungen, berufliche oder persönliche Wünsche – all diese Dinge können Gründe sein, sich wieder etwas zuzutrauen.

Dabei muss man nicht beweisen, dass man stärker als die Angst ist. Es reicht, sich selbst wieder als jemanden zu erleben, der Entscheidungen treffen kann.

„Ich habe Angst“ und „Ich entscheide trotzdem“ können im selben Satz stehen.

Genau darin steckt für mich die Bedeutung von Mut trotz Angst. Nicht in großen Worten und auch nicht in einer perfekten Erfolgsgeschichte. Eher in diesen kleinen Situationen, in denen man merkt, dass die eigene Angst zwar vorhanden ist, aber nicht automatisch das letzte Wort haben muss.

Ich habe schon als Kind gelernt, dass Angst und Vorsicht im Leben wichtiger sein sollen, als mutig zu sein. Viele Glaubenssätze und Erziehungsmethoden, insbesondere meiner Mutter, haben mir diesen Mut genommen. Dazu gehörten auch Liebesentzug, Gehorsam und ständig meiner Mutter hörig sein. Das hat mein Leben beeinflusst. Dennoch war es möglich, einen neuen Weg zu gehen, trotz Angststörungen und Panikattacken. Mut trotz Angst – Schritt für Schritt.

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