Angst – warum suchen wir ständig Sicherheit?

Angst – Warum suchen wir ständig Sicherheit?

Angst und Gedanken – wenn uns die absolute Sicherheit wichtig ist

Wenn ich an meine Angstzeit zurückdenke, fällt mir auf, wie viel Energie ich darauf verwendet habe, Sicherheit zu bekommen. Ich wollte wissen, ob alles in Ordnung ist. Nicht ungefähr. Möglichst genau. Eine Unsicherheit einfach stehen zu lassen, fiel mir schwer. Kaum tauchte ein Zweifel auf, begann im Kopf die Suche nach einer Antwort.

Ich habe gefragt, nachgesehen, verglichen und Dinge noch einmal durchdacht. Manchmal wollte ich auch von anderen hören, dass alles in Ordnung ist. Kam die gewünschte Antwort, war die Erleichterung meistens sofort da. Für einen Moment war Ruhe. Doch diese Ruhe hielt nicht besonders lange. Irgendwann tauchte der nächste Zweifel auf und damit begann die Suche von vorn. Genau das machte die Sache so anstrengend. Ich suchte nicht einfach Informationen. Ich suchte das Gefühl, endlich sicher zu sein. Und dieses Gefühl musste immer wieder neu hergestellt werden.

Beruhigung? Nur für kurze Zeit

Das Merkwürdige an Sicherheit ist, wie gut sie sich in einem Moment der Angst anfühlen kann. Wenn man sich Sorgen macht und jemand sagt: „Das ist bestimmt nichts“, fällt plötzlich eine Last ab. Man fühlt sich erleichtert und denkt vielleicht: Jetzt ist es wieder gut.

Später fiel mir wieder etwas ein, das ich vorher nicht bedacht hatte. Vielleicht gab es noch einen Punkt, den ich überprüfen musste. Oder ich hatte eine offene Frage übersehen, möglicherweise war die Antwort doch nicht ganz eindeutig. Also wurde wieder gefragt, überprüft oder nach einer weiteren Erklärung gesucht.

Damit entstand ein Kreislauf:

Damit geriet ich immer wieder in dasselbe Muster. Eine Unsicherheit machte mir zu schaffen. Ich suchte nach einer Antwort, bekam sie und konnte die Sache für einen Moment loslassen. Kam später wieder ein Zweifel auf, fing die Suche nach Sicherheit erneut an. Ich überprüfte, fragte nach oder dachte weiter darüber nach – in der Hoffnung, danach wieder Ruhe zu haben.

Das Problem war für mich deshalb nicht die einzelne Frage. Natürlich kann es sinnvoll sein, etwas nachzufragen oder eine Sache zu überprüfen. Schwieriger wurde es dort, wo ich das Gefühl bekam, ohne diese Antwort nicht mehr zur Ruhe kommen zu können.

Ich hatte gelernt: Wenn ich unsicher bin, brauche ich eine Antwort. Und wenn die erste Antwort nicht lange genug beruhigte, brauchte ich eben noch eine.

Besonders deutlich wurde das bei Dingen, die sich nicht vollständig kontrollieren ließen. Ich wollte am liebsten vorher wissen, dass nichts passieren würde. Dazu gehörte auch, dass ich plante, überprüfte und mich vorbereitete und möglichst viele Informationen sammelte – trotzdem blieb immer ein Rest offen. Genau dieser Rest, nämlich diese Unsicherheit, war schwer auszuhalten. Also wurde noch einmal kontrolliert und nachgedacht.

Rückblickend wirkt das auf mich wie der Versuch, das normale Leben vorhersehbar zu machen. Wenn ich nur genügend Informationen hätte, würde ich mich sicher fühlen. Wenn ich alles bedacht hatte, konnte mich nichts mehr überraschen. Und, wenn ich nur gründlich genug kontrollierte, müsste die Unsicherheit irgendwann verschwinden. Nur funktioniert das Leben nicht so. Es gibt Dinge, die wir nicht vorher wissen können. Es gibt Situationen, deren Ausgang offen ist. Und selbst die sorgfältigste Vorbereitung kann keine hundertprozentige Garantie liefern.

Heute ist genau dieser Punkt für mich interessant: Manchmal fehlt gar keine Information, sondern ich möchte einfach nur endlich aufhören, mich unsicher zu fühlen.

Sicherheit ist nicht dasselbe wie Vertrauen

Eine wichtige Veränderung kam für mich, als ich langsam akzeptieren konnte, dass ich nicht jede Unsicherheit beseitigen kann. Das war zunächst überhaupt nicht angenehm. Viel lieber hätte ich eine Methode gehabt, mit der ich jederzeit wieder absolute Sicherheit hätte herstellen konnte.

Die gibt es aber nicht. Ich kann nicht wissen, wie jede Situation ausgehen wird. Ich kann nicht verhindern, dass etwas Unerwartetes passiert. Und ich kann auch nicht jeden Gedanken so lange überprüfen, bis wirklich keinerlei Zweifel mehr übrig bleibt.

Ich habe gelernt: Diese Unsicherheit gehört zum Leben.

Für mich bedeutete das, genauer hinzusehen, wenn wieder der Wunsch nach einer eindeutigen Antwort auftauchte. Statt sofort nach der nächsten Information zu suchen, kann ich mich fragen: Fehlt mir tatsächlich noch etwas oder möchte ich gerade einfach nur wieder dieses beruhigende Gefühl haben?

Das ist ein großer Unterschied. Wenn wirklich eine Information fehlt, kann ich sie natürlich suchen. Aber auch nur dann, wenn diese Suche sinnvoll und nützlich ist.

Vertrauen bedeutet nicht, dass nichts passieren kann

Diese Sichtweise hat auch meinen Gedanken über Vertrauen verändert. Früher bedeutete Sicherheit für mich, möglichst genau zu wissen, dass nichts passieren wird. Heute erscheint mir dieser Anspruch unrealistisch. Immer wieder wollte ich hundertprozentige Sicherheit, dass ich nicht krank bin, oder, dass meinen Liebsten nichts Schlimmes passiert. Je mehr und intensiver ich mich in diesen Gedankenkreislauf festfraß, umso stärker wurde meine Angst. Und auch meine Gedanken nahmen kein Ende. Ich vertraue mir nicht und auch dem Leben nicht.

Vertrauen bedeutet für mich etwas anderes. Ich muss nicht wissen, dass alles gutgeht. Vielmehr traue ich mir selbst zu, mit dem umgehen zu können, was tatsächlich passiert. Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Für mich ist es aber ein völlig anderer Gedanke.

Denn absolute Sicherheit würde bedeuten: Ich weiß vorher, dass nichts passieren wird.

Vertrauen bedeutet dagegen: Ich weiß nicht genau, was passieren wird – aber ich traue mir zu, damit umzugehen.

Damit verschiebt sich auch der Blick auf die eigenen Gedanken. Ich muss nicht jeden Zweifel beseitigen, bevor ich weitermachen kann. Ein Gedanke darf auftauchen, ohne dass ich sofort nach einer Antwort suche. Eine Befürchtung darf da sein, ohne dass ich sie durch Kontrolle beruhigen muss.

Natürlich kontrolliere ich weiterhin Dinge, wenn es sinnvoll ist. Ich plane, prüfe und informiere mich. Darum geht es nicht. Der Unterschied liegt darin, ob ich etwas sinnvoll erledige oder ob ich immer wieder kontrolliere, weil ich die Unsicherheit nicht aushalte.

Früher wollte ich verhindern, dass Angst entsteht. Heute weiß ich, dass ich nicht jede Angst verhindern kann. Ich kann aber beeinflussen, was danach passiert.

Ich kann dem Gedanken folgen und immer weiter nach Sicherheit suchen. Oder ich kann bemerken, dass ich gerade wieder nach dieser Sicherheit suche, obwohl ich eigentlich schon genug weiß.

Echtes Vertrauen entsteht aber nicht dadurch, dass ich jede Unsicherheit beseitige. Es entsteht eher dort, wo ich merke: Ich muss nicht alles wissen, bevor ich weiterleben kann.

Meine mentalen Methoden, um Gedanken umzulenken

Wenn ich merke, dass sich meine Gedanken immer weiter um dieselbe Sache drehen, versuche ich nicht, sie mit Gewalt loszuwerden. Ich gebe meinem Kopf stattdessen eine andere Aufgabe. Zwei Methoden haben sich für mich dabei besonders bewährt.

1. Das Länder-ABC

Ich gehe im Kopf das Alphabet durch und suche zu jedem Buchstaben ein Land. Bei A beginne ich zum Beispiel mit Australien, bei B mit Belgien und bei C mit Chile. Danach geht es weiter: Dänemark, Ecuador, Frankreich, Griechenland und so weiter.

Das klingt zunächst ziemlich simpel. Genau das gefällt mir daran. Ich muss mich auf die nächste Aufgabe konzentrieren und überlegen, welches Land zum nächsten Buchstaben passt. Dadurch bekommt der Gedankenkreislauf weniger Aufmerksamkeit. Wenn ich bei einem Buchstaben nicht sofort ein Land finde, überlege ich kurz weiter, statt wieder bei meinen ursprünglichen Gedanken einzusteigen.

2. Rückwärtszählen und Quersummen bilden

Bei dieser Methode zähle ich rückwärts und bilde gleichzeitig die Quersumme der jeweiligen Zahl. Ich beginne beispielsweise bei 100. Die Quersumme von 100 ist 1. Danach kommt 99, dessen Quersumme 18 ist. Und die nächse Quersumme ist 9 (aus 18). DANN: Bei 98 komme ich auf 17, und als nächste Quersumme: 8. Dann: bei 97 auf 16, und die nächste Quersumme: 7. Und so weiter.

Für mich ist gerade diese Kombination interessant. Ich beschäftige mich nicht mit dem Gedanken, der mich vorher beschäftigt hat, sondern mit einer ganz konkreten Aufgabe. Mein Kopf bekommt etwas zu tun, das nichts mit der ursprünglichen Gedankenspirale zu tun hat.

Beide Methoden sollen meine Gedanken nicht einfach wegdrücken. Ich nutze sie vielmehr, wenn ich merke, dass ich mich gerade immer weiter in etwas hineinsteigere und einen bewussten Abstand brauche. Dann kann es helfen, die Aufmerksamkeit gezielt auf etwas anderes zu richten.

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