Hemmungen und Angst – wie meine Erziehung mich geprägt hat

Hemmungen und Angst – wie meine Erziehung mich geprägt hat

Hemmungen – welche Auswirkungen hat die Kinheit?

Ich weiß genau, dass ich als Kind gehemmt war. Und, ich war nicht der Junge, der einfach irgendwo hineinplatzte, auf andere zuging und sagte, was er wollte. Selbstbewusstsein hatte ich eher wenig. Ich war ruhig, vorsichtig und oft zurückgezogen.

Das heißt überhaupt nicht, dass ich keine Freunde hatte. Ich habe mit anderen Kindern gespielt und hatte meine Kontakte. Nach außen konnte also alles ganz normal aussehen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, anders zu sein als andere Kinder. Andere waren frecher, gingen leichter auf Menschen zu, setzten sich durch und machten einfach. Ich dagegen dachte viel nach und hielt mich eher zurück.

Heute glaube ich, dass das nicht einfach mein „Charakter“ war. Ich bin davon überzeugt, dass meine Erziehung dabei eine wichtige Rolle gespielt hat.

Wechselbad der Gefühle

Meine Kindheit war geprägt von einem Wechselbad der Gefühle. Auf der einen Seite gab es Überbehütung und Kontrolle, auf der anderen Seite strenge Vorgaben, Erwartungen und Dinge, die ich nicht infrage stellen durfte. Dazu kamen bestimmte Glaubenssätze und auch Situationen, in denen ich Liebesentzug erlebt habe.

Für ein Kind ist so etwas schwer einzuordnen. Es weiß nicht: Meine Eltern verhalten sich gerade inkonsequent oder kontrollierend. Es versucht einfach, damit klarzukommen.

Ich wollte deshalb vieles richtig machen.

Bloß keinen Ärger bekommen. Und, nur nichts falsch machen. Lieber vorher überlegen, bevor ich etwas sage oder tue. Ich habe mich angepasst und immer stärker darauf geachtet, wie andere auf mich reagieren. Dadurch entsteht irgendwann eine merkwürdige Art von innerer Vorsicht. Man geht nicht mehr einfach los und probiert etwas aus. Erst wird beobachtet. Dann überlegt.

Überbehütung kann Sicherheit geben – aber auch Unsicherheit hinterlassen

Bei Überbehütung werden einem Kind viele Risiken abgenommen. Eltern wollen ihr Kind schützen und meinen es meistens gut. Das Problem kann entstehen, wenn ein Kind dadurch kaum Gelegenheit bekommt, eigene Erfahrungen zu machen und selbst herauszufinden: Ich kann das. Wer ständig geschützt wird, kann aber auch lernen, dass die Welt gefährlicher ist, als sie tatsächlich ist.

Bei mir kam diese starke Kontrolle hinzu. Ich hatte dadurch nicht unbedingt das Gefühl: „Ich darf ausprobieren und Fehler machen.“ Eher war da die innere Frage: Was wird passieren, wenn ich etwas falsch mache?  Wie reagiert meine Mutter? Flippt sie aus?

Das passt rückblickend ziemlich gut zu dem Kind, das ich war: vorsichtig, angepasst und nicht besonders mutig darin, einfach einmal etwas zu wagen.

Strenge, Kritik und Liebesentzug

Noch stärker kann ein Kind durch die Erfahrung geprägt werden, dass Fehler negative Folgen haben. Wenn man häufig kritisiert wird oder Zuwendung davon abhängig ist, ob man sich richtig verhält, kann sich daraus eine ständige Selbstkontrolle entwickeln. Dann geht es irgendwann nicht mehr nur darum, was man selbst möchte. Man überlegt ständig, was der andere erwartet.

Ich wollte es richtig machen.

Und genau darin steckt für mich heute ein wichtiger Zusammenhang zu meinen späteren Ängsten. Wer früh lernt, Fehler möglichst zu vermeiden, kann Schwierigkeiten damit bekommen, Unsicherheit auszuhalten. Das Leben besteht aber nun einmal aus Situationen, in denen man nicht weiß, was passiert. Ich hatte als Kind offenbar gelernt, mich lieber abzusichern, statt einfach ins Ungewisse zu gehen.

Ich war ständig auf der Hut

Dazu kam die Unberechenbarkeit zu Hause. Wenn man nicht sicher einschätzen kann, wie ein anderer Mensch auf etwas reagieren wird, beginnt man irgendwann, ihn sehr genau zu beobachten. Das habe ich gemacht.

Ich war aufmerksam für die Stimmung meiner Mutter, die ständig wechseln konnte. Zudem wollte ich frühzeitig merken, ob etwas gut oder schlecht war. Und auch möglichst früh erkennen, ob Ärger drohte. Dadurch war ich innerlich häufig angespannt und auf der Hut.

Heute würde ich sagen: Ich war als Kind oft in einer Art Alarmbereitschaft.

Das Wort passt für mich auch deshalb so gut zu meiner späteren Angstgeschichte. Denn genau dieses ständige Beobachten kenne ich später wieder – nur nicht mehr ausschließlich mit Blick auf andere Menschen, sondern auch auf mich selbst und meinen eigenen Körper.

Ist alles in Ordnung? Wie fühle ich mich? Was könnte passieren? Diese Art des Denkens hat mich lange begleitet.

Die Angst zeigte sich nicht nur im Kopf

Meine Hemmungen waren nicht nur eine innere Sache. Ich konnte sie auch körperlich merken.

Beispielsweise wurde ich schnell rot, wenn mir etwas unangenehm war. Oder ich konnte beim Sprechen ins Stammeln geraten. Blickkontakt fiel mir schwer, und in Situationen mit anderen Menschen fühlte ich mich schnell unsicher. Dazu kam das Gefühl, mich nicht richtig durchsetzen zu können.

Andere Kinder konnten sich behaupten, wenn sie etwas wollten. Ich machte eher einen Schritt zurück.

Das war keine bewusste Entscheidung. Ich dachte nicht: Jetzt bin ich feige und lasse den anderen gewinnen. Es war eher dieses automatische Gefühl: Lieber nichts riskieren. Lieber keinen Streit. Lieber nicht auffallen.

Auch sozial war ich häufig zunächst Beobachter. Andere machten einfach mit, während ich erst einmal schaute, was passiert. Dazu kam eine starke Trennungsangst.

Nach außen war ich also nicht unbedingt das Kind, das völlig allein in einer Ecke saß. Ich hatte Freunde und spielte mit anderen Kindern. Aber innerlich war vieles von Unsicherheit geprägt.

Selbstvertrauen – wenn zu wenig zum Problem wird

Wenn man sich über viele Jahre nicht viel zutraut, entsteht leicht ein Kreislauf. Man macht weniger selbst, bekommt dadurch weniger Erfahrungen und zweifelt wiederum noch stärker an den eigenen Fähigkeiten. Andere wirken selbstbewusster, sicherer und mutiger. Und selbst beobachtet und vergleicht man sich mit anderen. So war es bei mir. Ich hatte wenig Selbstbewusstsein und wenig Vertrauen darin, mich behaupten zu können. Gleichzeitig war da diese starke Angst vor Bewertung. Was denken die anderen? Wie komme ich an? Mache ich etwas falsch? Solche Gedanken können einen Menschen ziemlich klein machen.

Und wenn später tatsächlich eine Angststörung daraus entsteht, kann diese alte Unsicherheit plötzlich wieder eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Angst – Entwicklung seit der Kindheit

Wenn ich meine Geschichte heute betrachte, sehe ich deshalb keinen einzelnen Punkt, an dem meine Angst begonnen hat.

Da war die Angst meiner Mutter vor Krankheiten, die ich bereits als Kind miterlebt habe. Oder auch ihre starke Reaktion auf körperliche Beschwerden und die immer wiederkehrende Sorge, etwas Ernstes wie Krebs zu haben. Und diese Erziehung mit Kontrolle, Überbehütung, strengen Vorgaben und Liebesentzug.

Und da war ich als Kind: vorsichtig, angepasst, schüchtern, unsicher und ständig darauf bedacht, möglichst nichts falsch zu machen.

Viele Jahre später wurde daraus meine eigene Angstgeschichte. Seit rund 20 Jahren begleitet mich die Angststörung besonders stark. Gesundheitliche Sorgen, körperliche Symptome, Panik und schließlich auch die Angst vor der Angst wurden Teil meines Lebens.

Mit ungefähr 48 Jahren war die Angst zeitweise sogar so stark, dass ich davon überzeugt war, mein 50. Lebensjahr nicht mehr zu erleben.

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich deshalb eine Verbindung zwischen vielen einzelnen Erfahrungen. Nicht als einfache Ursache-und-Wirkung-Geschichte. Aber als Lebensgeschichte, in der sich bestimmte Muster immer wieder begegnen: Unsicherheit, Kontrolle, Anpassung, die Angst vor Fehlern, die Angst vor Bewertung und später die Angst vor dem eigenen Körper.

Vielleicht ist genau das etwas, das ich auf dieser Website zeigen möchte.

Manchmal beginnt die Angst und Panik schon viel früher – mit einem Kind, das lernt, vorsichtig zu sein, sich anzupassen und lieber nichts falsch zu machen.

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