Angst – bedeutet nicht immer, dass Gefahr besteht

Angst – bedeutet nicht immer, dass Gefahr besteht

Angst – warum nicht immer eine reale Gefahr vorhanden ist

Angst gehört zu den Gefühlen, die sich nur schwer übersehen lassen. Der Herzschlag verändert sich, die Atmung kann schneller werden, Muskeln spannen sich an und plötzlich richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit auf das, was gerade passiert. Dazu kommen Gedanken, die sich häufig mit der Frage beschäftigen, was als Nächstes passieren könnte. In einer tatsächlich gefährlichen Situation kann diese Reaktion sinnvoll sein. Wer etwa plötzlich ein Fahrzeug auf sich zukommen sieht, muss nicht erst lange darüber nachdenken, ob Vorsicht angebracht wäre. Der Körper reagiert schnell.

Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Angst und tatsächlicher Gefahr. Angst kann vorhanden sein, obwohl im jeweiligen Moment keine entsprechende Gefahr besteht. Das macht die Angst nicht weniger real. Das Gefühl ist tatsächlich da. Nur die Schlussfolgerung „Wenn ich Angst habe, muss etwas Gefährliches passieren“ stimmt nicht automatisch.

Unser Körper wartet schließlich nicht darauf, dass eine Gefahr vollständig bewiesen ist. Eine mögliche Bedrohung kann bereits ausreichen, damit Aufmerksamkeit und körperliche Reaktionen zunehmen. Genau das ist im Alltag häufig zu beobachten. Vor einem wichtigen Gespräch kann jemand nervös werden, obwohl noch überhaupt nichts Unangenehmes passiert ist. Vor einer Untersuchung kann sich bereits am Abend vorher ein ungutes Gefühl entwickeln. Ein Mensch kann sich Sorgen um eine Situation machen, die erst morgen stattfindet.

Die Gefahr liegt in diesen Momenten möglicherweise gar nicht im aktuellen Augenblick. Sie existiert zunächst als Vorstellung.

Wenn ein Gedanke sich körperlich echt anfühlt

Gedanken können erstaunlich viel mit unseren Gefühlen machen. Wer sich einen bevorstehenden Unfall vorstellt, erlebt keinen tatsächlichen Unfall. Trotzdem kann die Vorstellung unangenehm sein. Vielleicht wird man unruhig, spannt die Muskeln an oder bekommt einen schnelleren Herzschlag. Der Körper reagiert also auf eine gedanklich vorgestellte Möglichkeit, obwohl das Ereignis selbst nicht stattfindet.

Genau hier kann eine Verwechslung entstehen. Ein Mensch spürt Angst und sucht nach einer Erklärung. Das Herz schlägt kräftiger. Daraus entsteht vielleicht der Gedanke: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Anschließend wird noch genauer auf den Körper geachtet. Jeder weitere Herzschlag fällt auf, jede kleine Veränderung wird wahrgenommen. Aus der ursprünglichen körperlichen Reaktion entsteht dadurch eine ganze Geschichte.

„Warum ist mein Herz so schnell?“ – „Was, wenn etwas passiert?“ – „Vielleicht ist das gefährlich.“

Der letzte Satz klingt bereits ganz anders als der erste. Aus einer Wahrnehmung wurde eine Bewertung und aus der Bewertung eine Befürchtung. Dabei kann sich die Befürchtung ausgesprochen überzeugend anfühlen. Angst ist schließlich kein nüchterner Zustand. Sie verändert die Aufmerksamkeit und macht mögliche Gefahren besonders wichtig.

Bei Angststörungen kann dieser Zusammenhang besonders stark werden. Eine körperliche Veränderung wird wahrgenommen, als Warnsignal interpretiert und löst dadurch weitere Angst aus. Die zusätzliche Angst führt wiederum zu weiteren körperlichen Veränderungen. So kann ein Kreislauf entstehen, in dem die Angst selbst zum Anlass für neue Angst wird.

Das bedeutet allerdings nicht, dass körperliche Beschwerden grundsätzlich harmlos wären. Neue, starke oder ungewöhnliche Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden. Der entscheidende Punkt liegt an einer anderen Stelle: Ein körperliches Signal liefert nicht automatisch die Erklärung dafür, warum es aufgetreten ist.

Ein schneller Herzschlag bedeutet zunächst einmal, dass das Herz schneller schlägt. Erst der Gedanke „Das ist gefährlich“ gibt dieser Wahrnehmung eine bestimmte Bedeutung.

Angst kann warnen, obwohl keine unmittelbare Gefahr vorhanden ist

Vielleicht lässt sich das Verhältnis zwischen Angst und Gefahr am besten mit einem Warnsignal vergleichen. Ein Warnsignal ist dafür da, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Es kann sehr sinnvoll sein, wenn tatsächlich etwas nicht stimmt. Es kann aber auch ausgelöst werden, obwohl sich später herausstellt, dass die Situation weniger gefährlich war als zunächst angenommen.

Ein Mensch kann beim Betreten eines Aufzugs Angst bekommen, obwohl der Aufzug technisch sicher ist. Jemand kann beim Fliegen starke Angst verspüren, obwohl sich gerade keine konkrete Gefahr entwickelt. Eine Person kann vor einer Präsentation zittern, obwohl niemand im Raum vorhat, ihr etwas anzutun.

Das Gefühl lässt sich nicht einfach wegdiskutieren. Wer Angst hat, hat Angst. Gleichzeitig muss die Angst nicht recht behalten.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Gefühle manchmal wie Beweise wirken. „Ich fühle mich bedroht“ klingt innerlich schnell wie „Ich bin bedroht“. Beides ist jedoch nicht dasselbe. Ein Gefühl beschreibt den eigenen Zustand. Eine Aussage über die tatsächliche Situation braucht andere Informationen.

Auch Gedanken können diesen Unterschied verwischen. „Was, wenn etwas passiert?“ beschreibt zunächst eine Möglichkeit. Der Kopf kann daraus jedoch rasch „Es wird etwas passieren“ machen. Aus einer Möglichkeit wird eine Erwartung und aus der Erwartung entsteht noch mehr Angst.

Dabei ist das Leben voller Unsicherheiten. Niemand kann im Voraus wissen, was morgen geschieht. Der Versuch, jede denkbare Gefahr vorher gedanklich auszuschließen, kann deshalb schnell zu einer endlosen Suche werden. Für jede beantwortete Frage taucht die nächste auf.

Angst muss deshalb nicht verschwinden, damit ein Mensch erkennen kann, dass gerade keine konkrete Gefahr besteht. Beides kann gleichzeitig existieren: Da ist Angst – und trotzdem passiert momentan nichts Gefährliches. Das klingt einfach, kann sich in einer starken Angstreaktion aber völlig anders anfühlen.

Gerade deshalb lohnt es sich, zwischen dem Gefühl und seiner Aussage zu unterscheiden. Angst sagt: „Pass auf.“ Sie sagt nicht automatisch: „Du bist in Gefahr.“ Ein beunruhigender Gedanke sagt: „Es könnte passieren.“ Er sagt damit noch lange nicht: „Es wird passieren.“ Diese kleinen Unterschiede können im Denken erstaunlich wichtig werden. Denn die Angst selbst ist ein reales Gefühl, während viele Gedanken, die während der Angst entstehen, lediglich Vermutungen über die Zukunft sind.

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