Angstzustände – warum wirken Menschen mit Angststörungen distanziert?

Angstzustände – warum wirken Menschen mit Angststörungen distanziert?

Angstzustände - warum wirken Menschen mit Angststörungen distanziert?

Angstzustände – meine Erfahrungen in Begegnungen mit anderen Menschen

„Warum bist du eigentlich so unnahbar?“ Diesen Satz habe ich in meinem Leben mehr als einmal gehört. Manchmal wurde mir auch gesagt, ich würde arrogant wirken oder hätte offensichtlich kein Interesse an anderen Menschen. Das hat mich damals offen gesagt ziemlich irritiert. Denn so habe ich mich selbst überhaupt nicht erlebt.

Im Gegenteil. Ich wollte dazugehören und wollte mich mit anderen Menschen unterhalten, gemeinsam lachen und einfach ganz normal dabei sein. Nur hat das, was in mir vorging, überhaupt nicht zu dem gepasst, was andere Menschen von außen sehen konnten.

Heute weiß ich, warum das so war. Meine Angststörung hat mich über viele Jahre verändert. Nicht absichtlich und auch nicht bewusst. Sie hat dafür gesorgt, dass ich mich in bestimmten Situationen zurückgezogen habe, Blickkontakt vermieden habe und oft angespannt oder verschlossen wirkte. Für andere sah das nach Desinteresse aus. In Wirklichkeit war es Angst.

Was andere sahen und was in mir passierte

Besonders schwierig waren für mich größere Menschengruppen oder gesellige Runden. Nach außen saß dort vielleicht einfach ein stiller Mensch, der nicht viel sagte und sich nicht besonders am Gespräch beteiligte. Innerlich war allerdings jede Menge los.

Ich war ständig mit mir selbst beschäftigt. Wie wirke ich gerade? Habe ich etwas Falsches gesagt? Schauen die anderen mich an? Merkt jemand, dass ich nervös bin? Habe ich mich gerade blamiert? Was denken die anderen über mich?

Dazu kam dieses ständige Beobachten des eigenen Körpers. Herzklopfen, Zittern, Schwitzen oder Erröten konnten plötzlich auftreten. Jede körperliche Veränderung wurde von mir registriert und sofort bewertet. Aus einem kleinen körperlichen Gefühl konnte dadurch im Kopf schnell ein riesiges Problem werden.

Gleichzeitig nahm ich meine Umgebung unglaublich intensiv wahr. Gespräche, Stimmen, Bewegungen, Menschen um mich herum – alles kam irgendwie gleichzeitig auf mich zu. Während andere einfach in einer Runde saßen und sich unterhielten, war ich innerlich damit beschäftigt, irgendwie mit dieser Situation klarzukommen.

Locker zu wirken, obwohl man innerlich angespannt ist, funktioniert allerdings nicht besonders gut. Meine Mimik war angespannt, meine Gestik zurückhaltend und Blickkontakt fiel mir häufig schwer. So entstand nach außen dieses Bild eines Menschen, der distanziert oder vielleicht sogar arrogant wirkt. Nur hatte das mit meinen tatsächlichen Gefühlen wenig zu tun.

Rückzug wurde irgendwann zum Schutz

Je häufiger ich solche Situationen als belastend erlebt hatte, desto mehr begann ich, sie zu vermeiden. Smalltalk wurde anstrengend. Größere Treffen wurden unangenehm. Einladungen nahm ich manchmal gar nicht erst an oder suchte nach einer Erklärung, warum ich diesmal nicht kommen konnte. Im Grunde wollte ich nur eines: raus aus dieser Anspannung.

Am liebsten wäre ich manchmal einfach aufgestanden und gegangen. Das war natürlich nicht immer möglich. Also blieb ich sitzen und versuchte, irgendwie durch die Situation zu kommen und den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug zu finden. Für andere wirkte mein Rückzug dann wie Desinteresse. Für mich war es eine Möglichkeit, mit meiner Angst fertigzuwerden.

Genau darin liegt für mich ein großes Problem bei Angststörungen. Vermeidung fühlt sich im ersten Moment wie eine Erleichterung an. Die unangenehme Situation ist vorbei, die Anspannung lässt nach und man denkt: Geschafft.

Beim nächsten Mal wird die Angst allerdings häufig noch größer. Schließlich hat man seinem eigenen Kopf gerade bestätigt: Diese Situation war gefährlich, deshalb musste ich weg.

So kann sich ein Kreislauf entwickeln. Angst führt zu Rückzug, Rückzug bringt kurzfristige Erleichterung und genau diese Erleichterung sorgt dafür, dass die nächste Situation noch schwieriger wird.

Hinter der vermeintlichen Arroganz steckt manchmal Angst

Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Natürlich beurteilen andere Menschen mich danach, wie ich mich ihnen gegenüber verhalte. Wenn ich kaum Blickkontakt halte, wenig sage und mich zurückziehe, kann das schnell distanziert oder arrogant wirken. Woher sollten andere Menschen auch wissen, was in mir vorgeht?

Bei mir hatte dieses Verhalten aber nichts mit Desinteresse zu tun. Ich war in solchen Situationen häufig einfach überfordert mit mir selbst, meinen Ängsten und den vielen Gedanken in meinem Kopf. Die Angst und Unsicherheit sorgten dafür, dass ich mich zurückzog und nach außen verschlossen wirkte.

Ich hatte nie grundsätzlich kein Interesse an anderen Menschen. Im Gegenteil. Tief in mir habe ich mich nach Kontakt, Nähe und Zugehörigkeit gesehnt. Ich wollte dazugehören und ganz selbstverständlich mit anderen Menschen umgehen können. Meine Angst stand mir dabei aber immer wieder im Weg.

Woher diese Angst eigentlich kam

Irgendwann wurde mir klar, dass meine Ängste nicht einfach aus dem Nichts entstanden waren. Im Rahmen einer Therapie habe ich begonnen, mich intensiver damit auseinanderzusetzen. Zum ersten Mal versuchte ich nicht mehr nur, die Symptome irgendwie loszuwerden, sondern verstehen zu lernen, was eigentlich dahintersteckte.

Dabei ging es auch zurück in meine Kindheit.

Bestimmte Erfahrungen, Ängste und meine Kindheit hatten mich geprägt. Ein geringes Selbstwertgefühl, die Angst, etwas falsch zu machen, die Sorge, negativ aufzufallen oder sich lächerlich zu machen – vieles davon hatte eine lange Geschichte.

Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine immer größere Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen. Die Angst vor bestimmten Situationen erzeugte wiederum neue Katastrophenszenarien im Kopf. Ich spielte mögliche Situationen vorher durch, stellte mir vor, was alles schiefgehen könnte, und grübelte anschließend darüber nach, was ich vielleicht falsch gemacht hatte. Irgendwann kamen auch Panikattacken dazu. Erst eine, dann weitere. Jede neue Attacke machte die Angst vor der nächsten größer. Damit begann ein Leben, in dem ich mich immer mehr mit der Angst beschäftigte, anstatt einfach zu leben.

Akzeptieren statt ständig gegen die Angst kämpfen

Eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner Therapie war für mich deshalb nicht, wie ich Angst vollständig verhindern kann. Das wäre wahrscheinlich ohnehin der falsche Ansatz gewesen.

Ich musste erst einmal akzeptieren, dass die Angst da ist.

Das klingt einfacher, als es tatsächlich ist. Jahrelang habe ich versucht, sie wegzubekommen, sie zu kontrollieren oder irgendwie zu verhindern. Im Grunde habe ich gegen etwas gekämpft, das sich nicht einfach wegkämpfen ließ.

Mit der Akzeptanz änderte sich langsam etwas.

Wenn die Angst kam, versuchte ich mir zu sagen: Okay, die Angst ist jetzt da. Sie fühlt sich unangenehm an und sie macht mir gerade Stress. Aber sie wird auch wieder nachlassen.

Auch eine ruhigere Atmung half mir dabei, die körperliche Anspannung etwas zu reduzieren. Gleichzeitig lernte ich, meine Aufmerksamkeit nicht ständig nach innen auf Herzschlag, Schwindel oder andere Körperempfindungen zu richten. Stattdessen versuchte ich, meine Umgebung wieder bewusster wahrzunehmen.

Der vielleicht schwierigste Schritt war aber, Situationen nicht mehr automatisch zu vermeiden.

Langsam. Schritt für Schritt.

Denn irgendwann musste ich erfahren, dass eine angstauslösende Situation tatsächlich auszuhalten ist. Die Angst kann kommen, sie kann unangenehm sein und trotzdem wieder verschwinden. Diese Erfahrung ist etwas völlig anderes als die Vorstellung im Kopf, dass eine Situation niemals auszuhalten wäre.

Natürlich ist das kein einfacher Weg und auch kein gerader Weg. Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Manchmal funktioniert etwas, was vorher schwierig war, plötzlich erstaunlich gut. Dann kommt wieder eine Situation, in der die Angst stärker ist. Trotzdem verändert sich etwas, wenn man nicht mehr ausschließlich gegen die Angst kämpft.

Es hat sich etwas verändert

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute vorsichtiger mit meinem Urteil über andere Menschen bin. Wenn mir jemand zurückhaltend begegnet, denke ich nicht mehr automatisch: Der hat kein Interesse. Vielleicht ist er einfach schüchtern. Oder dieser Mensch fühlt sich gerade unwohl. Möglicherweise trägt er eine Geschichte mit sich herum, von der ich nichts weiß.

Natürlich bedeutet eine distanzierte Art nicht automatisch, dass jemand eine Angststörung hat. Menschen sind unterschiedlich, und nicht jedes Verhalten braucht eine Erklärung.

Meine eigene Erfahrung hat mir allerdings gezeigt, wie groß der Unterschied zwischen äußerer Wirkung und innerem Erleben sein kann.

Ich habe nach außen manchmal wie ein unnahbarer oder arroganter Mensch gewirkt. Innerlich war ich häufig einfach nur unsicher, angespannt und voller Angst. Das ist ein Unterschied, den niemand sehen konnte.

Heute weiß ich, dass ich meine Vergangenheit und meine Ängste nicht ungeschehen machen kann. Sie gehören zu meiner Geschichte. Aber ich muss mich deshalb nicht mehr gegen mich selbst stellen.

Vielleicht ist das auch der wichtigste Schritt gewesen: mich selbst besser zu verstehen und nicht mehr für jede Angst zu verurteilen.

Denn manchmal steckt hinter einem Menschen, der uns distanziert erscheint, nicht Ablehnung, sondern ein innerer Kampf, von dem wir überhaupt nichts wissen.

Angststörung und Distanz – 10 Tipps, die helfen können

  1. Die eigene Distanz nicht als persönliches Versagen sehen
    Wenn du in Gesellschaft zurückhaltend bist, bedeutet das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Deine Reaktion kann mit deiner Angst und inneren Anspannung zusammenhängen.
  2. Die Angst zunächst akzeptieren
    Statt ständig dagegen anzukämpfen, kann es helfen, sie wahrzunehmen: Die Angst ist gerade da. Sie fühlt sich unangenehm an, aber sie wird auch wieder nachlassen.
  3. Nicht jede körperliche Reaktion bewerten
    Herzklopfen, Zittern, Schwitzen oder Erröten können Angst begleiten. Je stärker man diese Symptome beobachtet und bewertet, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt die Angst.
  4. Den Blick wieder nach außen richten
    Gerade in sozialen Situationen kann die Aufmerksamkeit bei sich selbst liegen. Was sage ich? Wie wirke ich? Sieht man meine Nervosität? Es kann helfen, bewusst wieder die Umgebung und das Gespräch wahrzunehmen.
  5. Vermeidung nicht zum einzigen Ausweg machen
    Eine Einladung abzusagen, bringt kurzfristig Erleichterung. Auf Dauer kann sich dadurch aber die Angst vor solchen Situationen verstärken. Kleine Schritte können hilfreicher sein als der komplette Rückzug.
  6. Nicht sofort wieder die schwierigste Situation wählen
    Es muss nicht gleich eine große Feier mit zwanzig Menschen sein. Kleine, überschaubare Situationen können ein guter Anfang sein. Entscheidend ist, eigene Erfahrungen zu machen.
  7. Den eigenen Gedanken nicht alles glauben
    Gedanken wie „Alle werden mich beobachten“ oder „Ich werde mich bestimmt blamieren“ fühlen sich in diesem Moment sehr real an. Trotzdem sind sie keine Tatsache.
  8. Sich selbst weniger hart beurteilen
    Niemand verhält sich immer souverän. Ein Gespräch kann einmal stocken, man kann etwas Falsches sagen oder rot werden. Das macht einen nicht zu einem peinlichen oder schlechten Menschen.
  9. Über die eigene Unsicherheit sprechen
    Bei vertrauten Menschen kann Offenheit vieles verändern. Ein einfacher Satz wie „Ich bin in größeren Gruppen manchmal ziemlich unsicher“ kann bereits erklären, warum man sich zurückhaltend verhält.
  10. Sich Unterstützung holen, wenn die Angst das Leben bestimmt
    Wenn Angst, Rückzug und Vermeidung immer mehr Bereiche des Lebens bestimmen, muss man damit nicht alleine bleiben. Eine professionelle Therapie kann dabei helfen, die eigenen Ängste besser zu verstehen und Schritt für Schritt neue Wege im Umgang damit zu entwickeln.

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