Glücklich – trotz der Angst?

Glücklich – trotz der Angst?

Kann man glücklich sein, obwohl man Angst hat?

Die Frage klingt zunächst seltsam. Und ja, für mich war diese Frage während 20 Jahren komisch. Wenn Angst und Panik das eigene Leben belasten, wie soll gleichzeitig Glück möglich sein? Gerade Menschen, die schon lange mit Angst leben, kennen wahrscheinlich den Gedanken: Wenn das endlich vorbei wäre, könnte ich wieder richtig glücklich sein.

Darin steckt ein verständlicher Wunsch. Niemand möchte dauerhaft von Angst begleitet werden. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick auf das Wort „glücklich“. Denn vielleicht muss Glück gar nicht bedeuten, dass Angst vollständig verschwunden ist.

Glück ist kein Dauerzustand

Kein Mensch ist den ganzen Tag glücklich. Auch ohne Angststörungen gibt es schlechte Nachrichten, Streit, Sorgen, Müdigkeit, Enttäuschungen und Tage, an denen einfach nichts richtig läuft. Warum sollte man ausgerechnet von einem Leben mit Angst verlangen, dauerhaft frei von unangenehmen Gefühlen zu sein? Glück kann neben anderen Gefühlen existieren.

Ein Mensch kann sich Sorgen machen und trotzdem über einen Witz lachen. Er kann Angst vor einer bestimmten Situation haben und sich gleichzeitig auf ein Treffen freuen. Ein schwieriger Lebensabschnitt kann vorhanden sein, während ein schöner Nachmittag trotzdem Freude bereitet. Das ist kein Widerspruch. Gefühle stehen nicht immer ordentlich getrennt nebeneinander.

Gerade deshalb muss man einen guten Moment nicht sofort entwerten, nur weil später wieder Angst auftauchen könnte. Wer denkt: Das bringt doch nichts, morgen geht es mir wieder schlecht, nimmt dem heutigen schönen Moment seine Bedeutung, bevor er überhaupt richtig erlebt wurde.

Ein gutes Essen bleibt gut. Der schöne Spaziergang bleibt schön. Das Gespräch mit einem lieben Menschen bleibt wertvoll. Auch wenn am nächsten Tag wieder Sorgen da sind.

Vielleicht ist genau diese Haltung wichtig, wenn Angst lange Zeit das Denken bestimmt. Nicht jede Freude muss auf ihre Haltbarkeit geprüft werden.

Glück darf mitten im normalen Leben stattfinden

Die Vorstellung, irgendwann ein vollkommen angstfreies und deshalb glückliches Leben zu führen, kann dazu führen, dass man das aktuelle Leben ständig mit einer erhofften Zukunft vergleicht.

Wenn ich wieder reisen kann, bin ich glücklich. Erst dann, wenn ich keine Panikattacken mehr habe, bin ich glücklich.

Natürlich können solche Dinge Wünsche sein. Aber daneben gibt es das Leben, das heute stattfindet. Vielleicht sitzt man gerade mit jemandem am Tisch, den man gerne hat.

Oder wir hören tolle und entspannende. Vielleicht macht das Hobby endlich wieder Spaß. Dieser schöne und sonnige Nachmittag gibt uns Kraft. Vielleicht kommt der Hund und legt sich neben einen.

Solche Momente sind nicht zweitklassig, nur weil die Angst ebenfalls existiert.

Glück muss auch nicht spektakulär sein. Für mich liegt darin sogar etwas Angenehmes. Es braucht nicht den großen Durchbruch. Man muss nicht plötzlich ein komplett neuer Mensch sein. Ein Moment kann reichen.

Das Lachen. Oder das gute Gespräch. Ein Essen. Dieser eine Ausflug. Vielleicht auch wunderschöne Erinnerungen. Möglicherweise auch das Gefühl von Zufriedenheit.

Wer lange mit Angst lebt, kann solche Momente zunächst vielleicht gar nicht richtig ernst nehmen. Dann ist es wichtig, sie nicht sofort wieder wegzuschieben. Freude darf da sein. Und sie darf auch wieder verschwinden. Das macht sie nicht unecht. Genau wie Angst nicht beweist, dass das ganze Leben schlecht ist, beweist ein schöner Moment nicht, dass ab jetzt alles problemlos sein wird. Beides gehört zusammen.

Das ist vielleicht weniger romantisch als die Vorstellung vom großen oder ewigen Glück. Dafür ist es näher am wirklichen Leben. Glücklich sein trotz Angst bedeutet deshalb nicht, dass man die Angst vergessen muss. Es bedeutet auch nicht, dass man sich einredet, alles sei halb so schlimm.

Es bedeutet, dass die Angst nicht automatisch jeden positiven Moment ungültig macht.

Vielleicht ist das sogar ein wichtiger Schritt zurück zum eigenen Leben. Wer ständig darauf wartet, dass die Angst verschwindet, beschäftigt sich zwangsläufig mit der Angst. Wer dagegen wieder fragt, was ihm Freude macht, richtet den Blick auf etwas anderes.

Wir verlagern damit unsere Gedanken, erweitern unseren Horizont, verändern die Blickrichtung. Das Leben darf mehrere Themen gleichzeitig haben. Angst kann dazugehören. Glück ebenfalls.

Und vielleicht ist genau diese Gleichzeitigkeit viel realistischer als die Vorstellung, eines Tages aufzuwachen und für immer vollkommen angstfrei zu sein.

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