Grübeln – Gedanken und Angst

Grübeln und Angst – warum unsere Gedanken nicht zur Ruhe kommen
Grübeln war für mich lange Zeit etwas, das ich kaum als Problem wahrgenommen habe. Ich dachte einfach, ich würde viel nachdenken. Schließlich hatte ich anscheinend immer einen Grund dafür. Wenn mich etwas beschäftigte, wollte ich es verstehen. Und, wenn eine Situation unklar war, wollte ich herausfinden, was dahintersteckte. Oder, ich ärgerte mich über etwas, und das ging ich im Kopf noch einmal durch. Eigentlich klingt das zunächst vernünftig. Das Problem begann dort, wo dieses Nachdenken keinen wirklichen Anfang und kein Ende mehr hatte. Eine Frage führte zur nächsten, eine Antwort brachte einen neuen Zweifel und aus einem kleinen Gedanken konnte innerhalb kurzer Zeit ein stundenlanges Gedankenkreisen oder Grübeln werden. Ich wollte Sicherheit, doch je länger ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich. Es war fast so, als würde ich versuchen, ein Puzzle zusammenzusetzen, bei dem ständig neue Teile dazukamen. Irgendwann wusste ich gar nicht mehr, wonach ich eigentlich suchte.
Gedanken – Nachdenken führt zu keiner Lösung
Ich erinnere mich an viele Situationen, in denen ich einen Gedanken immer wieder von verschiedenen Seiten betrachtet habe. Was hatte ich genau gesagt? Wie hatte der andere Mensch darauf reagiert? Hätte ich anders reagieren sollen? Was könnte daraus entstehen? Hatte ich vielleicht etwas übersehen? Solche Fragen können sich zunächst sinnvoll anfühlen. Man möchte schließlich eine Situation verstehen. Bei mir blieb es allerdings selten bei einer Frage. Sobald ich eine mögliche Antwort gefunden hatte, tauchte die nächste Unsicherheit auf. Vielleicht war die Antwort falsch. Oder es gab noch eine andere Erklärung. Möglicherweise hatte ich einen wichtigen Punkt nicht berücksichtigt. So konnte ich mich stundenlang mit derselben Sache beschäftigen, ohne tatsächlich zu einer Entscheidung oder einem Ergebnis zu kommen. Genau darin lag für mich der Unterschied zwischen vernünftigem Nachdenken und Grübeln. Beim Nachdenken komme ich irgendwann irgendwo an. Beim Grübeln drehe ich mich im Kreis und habe trotzdem das Gefühl, unbedingt weitermachen zu müssen. Angst hat dieses Muster noch verstärkt. Mein Kopf wollte Gewissheit, und zwar möglichst hundertprozentige. Eine Antwort, die nur zu neunzig Prozent beruhigend war, reichte nicht. Es musste ausgeschlossen werden, dass die anderen zehn Prozent vielleicht doch etwas Schlimmes bedeuteten. Natürlich lässt sich eine solche Sicherheit im normalen Leben kaum erreichen. Trotzdem habe ich es immer wieder versucht. Ich habe Situationen im Kopf durchgespielt, vergangene Gespräche rekonstruiert und mir mögliche Entwicklungen ausgemalt. Dabei konnte ich mich so sehr in meinen Gedanken verlieren, dass die ursprüngliche Situation am Ende fast unwichtig wurde. Entscheidend war nur noch, dass ich endlich Gewissheit haben wollte. Das Paradoxe daran war, dass ich durch dieses intensive Nachdenken nicht ruhiger wurde. Im Gegenteil. Je mehr Möglichkeiten ich durchspielte, desto mehr Gründe fand ich, weiterzudenken.
Gedanken und Kopfkino – der Kopf muss nicht jede offene Frage lösen
Irgendwann wurde mir klar, dass mein Problem nicht darin bestand, zu wenig nachzudenken. Ich dachte eher zu viel über Dinge nach, die sich gar nicht vollständig klären ließen. Diese Erkenntnis war für mich ziemlich wichtig. Eine offene Frage bleibt manchmal offen. Oder eine Entscheidung kann zunächst richtig sein und sich später trotzdem als falsch herausstellen. Die Situation kann gut ausgehen, obwohl man vorher nicht wissen konnte, wie sie endet. Früher konnte ich solche Dinge schlecht aushalten. Heute gelingt es mir besser, ein „Ich weiß es nicht“ stehen zu lassen. Das bedeutet nicht, dass mein Kopf plötzlich keine Gedanken mehr hätte. Natürlich sind Gedanken immer da. Auch heute gibt es Momente, in denen ich merke, wie das alte Muster wieder auftaucht. Wenn dann aber eine Frage beginnt, sich im Kreis zu drehen, und ich erkenne irgendwann: Ich suche gerade keine Lösung mehr, sondern nach Sicherheiten. Dieser Unterschied hat für mich viel verändert.
Früher hielt ich das Grübeln selbst für die Lösung. Heute sehe ich es eher als Versuch meines Kopfes, eine Unsicherheit loszuwerden. Das funktioniert inzwischen erstaunlich gut, und ich drehe mich immer weniger in diesem Gedankenkreislauf, der kein Ende findet. Diese völlig verrückten Fragen oder Gedanken wie „Was, wenn etwas passiert?“ – kommen mir kaum in den Sinn. Und es macht auch keinen Sinn. Genau deshalb habe ich irgendwann aufgehört, jede Frage beantworten zu wollen. Ein Gedanke darf auch einmal unbeantwortet bleiben. Nicht jede Erinnerung oder jedes Erlebnis, auch nicht die Erfahrungen, müssen noch einmal analysiert werden. Und nicht jede Sorge braucht eine endgültige Lösung oder Sicherheit. Es ist einfach eine Lösung, meine Gedanken nicht ständig im Kreis laufen zu lassen.
Gedanken und Angststörungen
Bei einer Angststörung ist das besonders schwierig, weil sich die Suche nach Sicherheit so vernünftig anfühlen kann. Schließlich möchte niemand mit dem Gefühl leben, dass vielleicht doch etwas übersehen wurde. Also denkt man noch einmal darüber nach, prüft die Sache noch einmal und sucht nach einer Antwort, die wirklich beruhigt. Nur kommt diese absolute Sicherheit meistens nicht. Es bleibt immer noch ein kleines „Aber was, wenn …?“ – und schon beginnt die nächste Runde. Und genau das macht uns dann Angst. Haben wir wirklich nichts übersehen?
Genau an diesem Punkt habe ich für mich einen anderen Umgang gefunden. Ich muss nicht jede Sorge ausräumen, bevor ich sie loslassen kann. Ich muss nicht jede Möglichkeit kennen und nicht jede Frage bis zum letzten Punkt beantworten. Das Grübeln darf aufhören, auch wenn noch ein Rest Unsicherheit da ist.
Das war für mich gerade im Kontext der Angststörung wichtig. Denn solange ich glaubte, erst dann Ruhe zu bekommen, wenn wirklich jede Möglichkeit ausgeschlossen war, konnte ich lange weiterdenken. Heute weiß ich: Diese Sicherheit wird es nicht geben. Und ich muss sie auch nicht mehr suchen. Nach und nach wurde ich sicherer, hatte zunehmendes Vertrauen, insbesondere in mich. Das Selbstvertrauen wuchs.



