Angst – warum sie stärker wird, wenn wir gegen sie kämpfen

Angst – besser ist die Akzeptanz als der Kampf
Angst möchte niemand freiwillig haben. Sobald sie da ist, haben wir den Wunsch, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Wer Herzklopfen, Unruhe oder Panik spürt, sucht nach einer Erklärung und gleichzeitig nach einer Möglichkeit, das unangenehme Gefühl zu beenden. Das ist völlig verständlich. Aber, wenn daraus ein ständiger Kampf wird, dann wird es nicht einfacher.
Dann wird nicht nur die Angst selbst beobachtet. Man beobachtet ständig, ob sie noch da ist. Wie stark sie ist. Ist der Körper ruhig. Schlägt das Herz normal. Haben wir Schwindel . Kommt gleich eine Panikattacke. Und plötzlich dreht sich ein großer Teil der Aufmerksamkeit genau um das, was man eigentlich nicht mehr haben möchte. Wir fixieren uns genau auf das, was uns stört und noch ängstlicher macht.
Angst – wenn der Kampf selbst zum Problem wird
Wer Angst unbedingt vermeiden will, entwickelt häufig bestimmte Sicherheitsstrategien oder auch Denkmuster. Man setzt sich nur dort hin, wo ein schneller Ausgang erreichbar ist. Wir nehmen etwas mit, das uns Sicherheit gibt. Oder, und das ist häufig, wir vermeiden Situationen, in denen wir Angst bekommen hatten. Vielleicht wird auch ständig der eigene Körper gescannt. Kurzfristig kann das beruhigen.
Das Problem entsteht dadurch, dass die vermeidende Handlung gleichzeitig die Botschaft vermittelt: Diese Situation ist offenbar wirklich gefährlich. Sonst müsste ich mich nicht so absichern. So bekommt die Angst immer wieder neue Nahrung.
Ein Beispiel: Jemand fürchtet, in einem Geschäft eine Panikattacke zu bekommen. Vor jedem Einkauf wird deshalb geprüft, wie weit das Geschäft vom Auto entfernt ist. Man sucht sich einen Platz in der Nähe des Ausgangs und überlegt, wie schnell man notfalls gehen kann. Der Einkauf wird dadurch nicht einfach nur ein Einkauf. Er wird zu einer Prüfung. Schon auf dem Weg dorthin steigt die Anspannung. Vielleicht wird irgendwann ein schneller Herzschlag bemerkt. Sofort kommt der Gedanke: Jetzt geht es los. Die Aufmerksamkeit richtet sich noch stärker auf den Körper. Dadurch werden weitere Empfindungen wahrgenommen. Die Angst steigt.
Was hier passiert, ist keine Schwäche. Es ist ein verständlicher Versuch, Kontrolle zu behalten. Gerade deshalb kann es hilfreich sein, den Kreislauf überhaupt zu erkennen. Denn wer ständig versucht, jede Angstreaktion zu verhindern, lebt möglicherweise immer stärker nach der Frage: Wie verhindere ich Angst?
Eine andere Frage wäre: Was möchte ich tun, auch wenn Angst auftaucht?
Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied mit einer ziemlich großen Wirkung. Angst wahrnehmen, ohne ihr alles zu überlassen
Angst nicht zu bekämpfen bedeutet nicht, sie gut finden zu müssen. Es bedeutet auch nicht, eine schwere Angststörung einfach hinzunehmen. Behandlung, professionelle Unterstützung und geeignete Methoden können selbstverständlich wichtig sein. Gemeint ist vielmehr eine andere Haltung gegenüber dem einzelnen Angstmoment.
Da ist Angst. Okay. Sie ist unangenehm. Warum sollte ich jetzt etwas nicht tun?
Diese Haltung nimmt der Angst nicht sofort ihre Stärke. Sie verändert jedoch die Rolle, die sie bekommt. Aus einem Alarmzeichen, das sofort sämtliche Entscheidungen bestimmt, wird wieder eine Empfindung, mit der man umgehen kann.
Das kann gerade bei Panikattacken wichtig sein. Wer jede körperliche Veränderung als Warnsignal betrachtet, lebt praktisch in ständiger Bereitschaft. Ein bisschen Herzklopfen reicht aus, um die Aufmerksamkeit vollständig nach innen zu lenken. Je stärker man kontrolliert, desto mehr findet man und die uns belastende Situation bleibt im Mittelpunkt, weil wir uns auf sie fokussieren.
Der Körper ist schließlich nie völlig still, dann wären wir nämlich tot. Herzschlag verändert sich, Atmung verändert sich, Muskeln spannen sich an, der Kreislauf reagiert auf Bewegung, Gedanken beeinflussen körperliche Empfindungen. Wer jede Veränderung untersucht, wird immer etwas entdecken. Deshalb kann es befreiend sein, nicht jede Empfindung sofort zu bewerten, sondern mal so zu denken: Es gut, dass unser Körper auch Reaktionen zeigt, denn das wiederum zeigt uns, dass wir leben.
Das bedeutet nicht, körperliche Beschwerden grundsätzlich zu ignorieren. Bei neuen oder ungewöhnlichen körperlichen Symptomen sollte selbstverständlich medizinisch abgeklärt werden, was dahintersteckt. Bei einer bekannten Angstreaktion geht es dagegen um die Frage, ob wirklich jede Empfindung eine neue Katastrophe ankündigt.
Mit der Zeit kann sich dadurch ein anderer Umgang entwickeln. Nicht: Wie bekomme ich die Angst sofort weg? Sondern: Was ist mir gerade eigentlich wichtig?
Und genau hier schließt sich der Kreis. Es geht nicht darum, Angst zum Feind zu erklären. Ebenso wenig soll sie zum Mittelpunkt des Lebens werden. Sie darf vorhanden sein, ohne automatisch alles andere zu verdrängen.
Das kann ein langer Lernprozess sein. Es gibt gute Tage und schwierige Tage. Wer lange Angst erlebt hat, wird nicht plötzlich von heute auf morgen völlig gelassen. Aber schon die Erkenntnis, dass der ständige Kampf selbst erschöpfend sein kann, eröffnet eine andere Möglichkeit.
Wir müssen nicht gegen unsere Angst gewinnen. Das ist kein Wettbewerb oder Fight. Nein, wir können durchaus erkennen, dass Angst ein Teil unseres Lebens ist, manchmal auch diese Panikattacken. Aber warum sollten wir deshalb unsere Freude am Leben verlieren? Und warum sollten wir nicht mit Mut unser Leben leben, trotz der Angst? Das erstere schränkt uns ein, das zweite kann uns befreien und unser Leben wieder schöner machen.






