Angst vor dem Tod



Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich bereits als junger Mensch große Angst vor dem Tod hatte. Damals war ich vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Einen besonderen Auslöser gab es eigentlich nicht. Trotzdem lag ich manchmal abends im Bett und dachte plötzlich darüber nach, dass ich eines Tages sterben werde. Je länger ich darüber nachdachte, desto größer wurde die Angst. Später schlief ich erschöpft ein, doch diese Gedanken kamen immer wieder zurück.

Warum uns der Gedanke an das Sterben so belastet

Im Laufe der Jahre verschwand diese Angst nicht vollständig, trat aber etwas in den Hintergrund. Mit meiner Angststörung wurde sie schließlich immer stärker. Plötzlich drehte sich mein Kopf ständig um dieselben Fragen.

Was passiert nach dem Tod? Wie wird das Sterben sein? Muss ich leiden? Wann wird es passieren? Solche Gedanken ließen mich kaum noch los. Konzentration fiel mir schwer, an ruhigen Schlaf war oft gar nicht mehr zu denken.
Eigentlich wissen wir alle, dass der Tod zum Leben gehört. Trotzdem möchten wir ihn am liebsten aus unserem Alltag verbannen. Kaum jemand spricht gerne darüber. In unserer Gesellschaft geht es meistens um Gesundheit, Schönheit und Leistung. Dazu gehört auch die Jugendlichkeit, und der Tod hat da nichts zu suchen.

Warum der Tod uns so viel Angst macht

Wenn wir ehrlich sind, haben die meisten Menschen Angst vor dem Tod. Dafür braucht es keine Angststörung. Kaum jemand freut sich auf den Gedanken, nicht mehr da zu sein. Allein diese Endgültigkeit macht vielen Menschen zu schaffen. Wir entwickeln Vorstellungen darüber, wie das Sterben wohl sein könnte. Hoffentlich habe ich keine Schmerzen. Hoffentlich muss ich nicht leiden. Was wird aus meiner Familie? Was passiert mit den Menschen, die ich liebe? Und dann taucht oft noch eine weitere Frage auf: Was kommt eigentlich danach?

Niemand kennt die Antwort. Genau darin liegt für viele Menschen das eigentliche Problem.

Wir wünschen uns Sicherheit. Wir möchten unser Leben planen und möglichst alles unter Kontrolle haben. Der Tod entzieht sich jedoch jeder Kontrolle. Er fragt nicht nach unseren Plänen. Er kommt nicht dann, wenn es gerade gut passt. Viele empfinden ihn deshalb als ungerecht. Und, der Tod passt ohnehin niemals.

Mit einer Angststörung wird dieses Bedürfnis nach Kontrolle häufig noch stärker. Gedanken beginnen zu kreisen, Grübeln wird zum täglichen Begleiter und es entsteht ein regelrechtes Kopfkino. Aus einer normalen Unsicherheit entwickelt sich eine echte Angst. Genau das habe ich selbst erlebt.

Als die Angst mein Leben bestimmte

Während meiner schwersten Zeit mit der Angststörung nahm auch die Angst vor dem Tod immer größere Ausmaße an. Fast jeder Gedanke führte  wieder zu diesem Thema zurück. Mein Kopf suchte ständig nach Antworten auf Fragen, die niemand beantworten kann. Je mehr ich darüber nachdachte, desto größer wurde die Angst.

Ich hatte große Angst, dass ich sehr krank werde und eine Heilung nicht mehr möglich sein wird. Da ich Hypochonder bin, waren Krankheiten immer ein Teil meines Lebens. Dazu passt, mal salopp formuliert, der Tod eigentlich perfekt zu den Gedanken.

Rückblickend erkenne ich heute, dass genau dieses Grübeln das eigentliche Problem war. Nicht der Tod selbst war in diesem Moment vorhanden. Es waren meine Gedanken. Trotzdem reagierte mein Körper so, als stünde ich unmittelbar vor einer großen Gefahr. Herzrasen, innere Unruhe, Schlafprobleme und diese ständige Anspannung gehörten fast schon zum Alltag.

Ich verlor meine Lebensfreude.

Während andere Menschen ihren Alltag lebten, beschäftigte ich mich immer wieder mit etwas, das in der Zukunft liegen würde. Dadurch verpasste ich genau das, was eigentlich gerade stattfand – mein Leben.

Eines Tages wurde mir bewusst, dass ich auf diese Weise genau das zerstörte, was ich eigentlich erhalten wollte. Ich wollte mit Freude leben, verschwendete aber einen großen Teil meines Lebens damit, über den Tod nachzudenken. Diese Erkenntnis traf mich.

Der Weg zurück ins Leben begann mit Akzeptanz

Im Laufe meiner Therapie lernte ich viele Dinge über Angst und Panik. Eine Erkenntnis war für mich besonders wichtig. Meine Gedanken sind nicht automatisch die Wirklichkeit.

Genau wie bei meinen anderen Ängsten spielte mir mein Kopf auch beim Thema Tod immer wieder dieselben Streiche. Er entwarf Szenarien, stellte Vermutungen an und versuchte, Antworten auf Fragen zu finden, die niemand beantworten kann.

Zu einem anderen Zeitpunkt fragte ich mich deshalb etwas ganz anderes: Möchte ich meine Zeit wirklich damit verbringen, über etwas nachzudenken, das ich überhaupt nicht beeinflussen kann? Oder möchte ich lieber heute leben?

Diese Frage veränderte langsam meinen Blick auf die Situation.

Natürlich verschwand die Angst dadurch nicht über Nacht. Da ich Schritt für Schritt einen guten Weg gefunden hatte, mit meiner Angststörung und Panik zurechtzukommen, lernte ich nun auch, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Nicht, weil ich ihn gut finde oder weil ich unbedingt sterben möchte. Ganz bestimmt nicht. Sondern weil ich begriff, dass sich an dieser Tatsache nichts ändern lässt. Genau daraus entstand für mich eine neue Motivation.

Heute bin ich hier. Heute kann ich lachen. Heute kann ich Zeit mit meiner Frau verbringen. Heute kann ich mich über Kleinigkeiten freuen.

Was morgen sein wird, weiß niemand. Und genau deshalb muss ich mein Leben nicht schon heute mit Sorgen über eine unbekannte Zukunft füllen.

Der Tod meines Vaters hat meinen Blick verändert

Mitten in diesem persönlichen Veränderungsprozess wurde mein Vater schwer krank. Die Diagnose Krebs traf unsere Familie vollkommen unerwartet. Nur sechs Wochen später war er bereits gestorben.

Obwohl die Erkrankungen meines Vaters genau in den Zeitraum meiner schlimmsten Angst-Phase fielen, war ich dazu fähig, ihn zu begleiten und zu unterstützen. Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Es war offensichtlich, dass diese schwere Krankheit meinen Vater körperlich extrem angriff. Als mein Vater das Krankenhaus verlassen durfte, verbrachte er noch acht Tage zu Hause. Danach kam er auf eine Palliativstation. Am Abend telefonierte er noch mit meiner Mutter und erzählte ihr, dass er sich dort gut aufgehoben fühle. In derselben Nacht schlief er friedlich ein.

Dieses Erlebnis hat mich tief bewegt. Mein Vater war selbst ein eher ängstlicher Mensch. Er wollte vieles kontrollieren und machte sich oft Sorgen. Genau deshalb hat mich sein ruhiger Tod so tief berührt.

Ich habe mit vielen Menschen darüber gesprochen, auch mit einem Pfleger der Palliativstation, der jeden Tag dem Tod begegnet. Er erklärt mir, dass mein Vater ruhig und ohne Qual eingeschlafen sei, weil er die Kontrolle über sein Leben abgegeben habe. Er habe akzeptiert, dass seine Zeit zu Ende gehe.

Dieses Erlebnis hat mich mehr gelehrt als viele Bücher oder Ratschläge. Zum ersten Mal verstand ich wirklich, was Akzeptanz bedeuten kann.

Was mir heute hilft

Wenn ich heute an den Tod denke, kommen natürlich manchmal immer noch Ängste auf. Ich glaube sogar, dass das vollkommen menschlich ist. Wahrscheinlich wird kaum jemand diese Angst jemals vollständig verlieren.

Diesen Gedanken bleiben, haben sich aber verändert. Ich muss ihnen nicht stundenlang folgen und daraus immer neue Katastrophen entwickeln.

Stattdessen frage ich mich inzwischen etwas anderes:

Was ist mir heute wichtig? Mit wem möchte ich Zeit verbringen? Worüber kann ich mich heute freuen?

Diese Fragen holen mich zurück in die Gegenwart. Genau dort findet unser Leben statt.

Nicht morgen. Nicht in zehn Jahren. Heute findet das Leben statt.

Die Angst vor dem Tod hat mich viele Jahre begleitet. Heute gehört sie zwar immer noch zu meinem Leben, bestimmt es aber nicht mehr. Ich habe gelernt, dass Grübeln keine Sicherheit schafft. Es nimmt mir lediglich die Freude an dem einzigen Zeitpunkt, den ich wirklich gestalten kann.

Vielleicht geht es dir ähnlich. Dann möchte ich dir einen Gedanken mitgeben, der mir selbst sehr geholfen hat.

Wir werden alle sterben. Daran können wir nichts ändern. Worauf wir jedoch Einfluss haben, ist die Zeit bis dahin. Es wäre doch schade, wenn wir gerade diese wertvolle Zeit damit verbringen würden, uns vor etwas zu fürchten, das wir weder kennen noch kontrollieren können.

Ich möchte lieber versuchen, heute zu leben. Mit möglichst viel Freude. Und das Leben wahrzunehmen und dankbar zu sein.

Ich bin auch unendlich dankbar für das, was mir in meinem Leben geschenkt worden ist. Wir dürfen auf dem Land leben, ohne Großstadtstress, gemeinsam mit unseren vier Hunden. Das ist wirkliches Glück und ein Geschenk.

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