Ich habe Angst vor dem Arzt
Es gibt ganz unterschiedliche Menschen, wenn es um den Besuch beim Arzt geht. Die einen beobachten ihren Körper ganz genau und vereinbaren schon beim kleinsten Ziehen einen Termin. Andere ignorieren Beschwerden möglichst lange. Wieder andere hoffen einfach, dass alles von allein verschwindet. Ich würde mich dazwischen einordnen.

Arztangst
Seit mehr als zwanzig Jahren lebe ich mit einer Angststörung und einer ausgeprägten Hypochondrie. Deshalb reagiere ich manchmal etwas widersprüchlich. Einerseits habe ich große Angst davor, krank zu werden. Andererseits schiebe ich Arztbesuche oft tagelang vor mir her. Nicht, weil ich besonders tapfer bin oder Schmerzen gut aushalten kann. Der eigentliche Grund ist vielmehr die Angst vor dem, was mich dort erwartet.
Sobald etwas zwickt oder zwackt, beginnen die Gedanken. Was ist, wenn der Arzt etwas Ernstes entdeckt? Was passiert, wenn weitere Untersuchungen notwendig werden? Muss ich vielleicht sogar ins Krankenhaus? Genau diese Fragen beschäftigen mich häufig mehr als die eigentlichen Beschwerden. Der Arzt selbst löst diese Angst gar nicht aus. Es ist vielmehr das Gefühl des Ausgeliefertseins. Plötzlich liegt die Kontrolle nicht mehr bei mir. Jemand anderes entscheidet, was untersucht wird und was das Ergebnis bedeutet.
Natürlich geht kaum jemand mit Begeisterung zum Arzt. Untersuchungen gehören nun einmal nicht zu den schönen Dingen des Lebens. Trotzdem wird jeder Mensch früher oder später im Wartezimmer sitzen. Daran führt kein Weg vorbei.
Arzt-Besuch und mein Anfreundungsprozess
Zu den Menschen, die wegen jeder Kleinigkeit sofort zum Arzt laufen, habe ich nie gehört. Ebenso wenig bin ich ein sogenannter Doktor-Hopper, der nach jeder Diagnose noch drei weitere Ärzte aufsucht. Das Gegenteil ist eher der Fall. Am liebsten würde ich manche Termine komplett streichen.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich etwas benötige, das ich heute scherzhaft meinen „Anfreundungsprozess“ nenne. Sobald ich merke, dass ein Arztbesuch sinnvoll wäre, beginne ich innerlich damit, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Das dauert manchmal nur zwei Tage, manchmal aber auch eine ganze Woche.
Druck von außen hilft mir dabei überhaupt nicht. Wenn jemand sagt: „Jetzt geh endlich zum Arzt!“, zieht sich in mir alles zusammen. Die Entscheidung muss aus mir selbst heraus entstehen. Erst wenn ich innerlich bereit bin, vereinbare ich einen Termin.
Danach beginnt allerdings die schwierigste Zeit. Je näher der Termin rückt, desto häufiger spiele ich den gesamten Ablauf im Kopf durch. Wie wird das Gespräch verlaufen? Welche Untersuchung steht an? Was wird der Arzt sagen? Früher kamen dazu regelmäßig Panikattacken. Schon die Vorstellung genügte, damit mein Herz raste und ich vollkommen unruhig wurde. Jeder Arztbesuch fühlte sich damals wie eine echte Bedrohung an.
Arzt-Angst – woher diese Angst vermutlich kommt
Erst während meiner Psychotherapie wurde mir klar, dass diese Ängste nicht einfach vom Himmel gefallen sind. Sie hatten eine Geschichte.
Meine Mutter litt selbst unter starker Hypochondrie. Fast täglich machte sie sich Sorgen um ihre Gesundheit. Hinter vielen Beschwerden vermutete sie sofort etwas Gefährliches. Krebs war für sie nahezu immer eine Möglichkeit. Als Kind bekommt man solche Gedanken zwangsläufig mit. Später lernt man unbewusst, dass Krankheiten etwas Bedrohliches sind.
Auch mein Vater ging nicht gerne zum Arzt und zeigte seine Unsicherheit ganz offen. Hinzu kam, dass meine Mutter sehr überbehütend war. Sie wollte mich beschützen und kontrollieren. Besonders deutlich erinnere ich mich noch an die Besuche beim Kinderarzt. Während wir im Wartezimmer saßen, sagte sie immer wieder: „Das tut gar nicht weh.“ Oder: „Du brauchst keine Angst zu haben.“
Eigentlich wollte sie mich beruhigen. Bei mir geschah allerdings genau das Gegenteil. Schon damals dachte ich: Wenn sie das ständig sagt, muss doch etwas Schlimmes passieren. Meine Fantasie begann sofort zu arbeiten. Ich stellte mir vor, was der Arzt wohl machen würde, ob es Schmerzen geben könnte und ob etwas Schlimmes entdeckt würde. Rückblickend glaube ich, dass genau dort der Grundstein für viele meiner späteren Ängste gelegt wurde.
Nach außen wollte ich mir davon allerdings nichts anmerken lassen. Viele Jahre spielte ich den starken Mann. Innerlich sah es ganz anders aus. Erst als meine Angststörung immer heftiger wurde, sprach ich offen darüber. Zum ersten Mal sagte ich laut: „Ja, ich habe Angst vor Ärzten.“ Allein das auszusprechen, fühlte sich zunächst ungewohnt an. Im Nachhinein war es jedoch ein wichtiger Schritt.
Angst und Furcht sind nicht dasselbe
In vielen Gesprächen mit anderen Menschen stellte ich fest, dass ich mit diesem Problem keineswegs allein bin. Erstaunlich viele erzählten mir, dass sie ungern zum Arzt gehen. Manche fürchten sich vor Spritzen, andere vor Untersuchungen und viele vor einer möglichen Diagnose.
Mit der Zeit fiel mir allerdings auf, dass ich heute häufig nicht mehr von Angst spreche, sondern von Furcht. Das klingt ähnlich, beschreibt aber zwei unterschiedliche Dinge.
Furcht richtet sich meist auf etwas Konkretes. Beim Arzt wissen wir nicht, was uns erwartet. Genau diese Ungewissheit löst Anspannung aus. Was kommt heraus? Ist alles harmlos oder steckt doch etwas Ernstes dahinter? Diese Gedanken kennen vermutlich fast alle Menschen.
Eine Angststörung fühlt sich dagegen deutlich intensiver an. Der ganze Körper gerät in Alarmbereitschaft. Das Herz schlägt schneller, Schweiß bricht aus, die Gedanken kreisen unaufhörlich und manchmal entsteht sogar das Gefühl, völlig die Kontrolle zu verlieren. Genau das habe ich früher häufig erlebt. Aus einem ganz normalen Arzttermin wurde in meinem Kopf ein riesiges Bedrohungsszenario.
Heute weiß ich, dass viele Menschen eine normale Furcht empfinden. Wer zusätzlich unter einer Angststörung oder Hypochondrie leidet, erlebt dieselbe Situation jedoch mit einem wesentlich höheren Leidensdruck.
Arzt aufsuchen – Was mir im Laufe der Jahre geholfen hat
Über viele Jahre hinweg habe ich fast alles aufgeschrieben. Meine Gedanken, meine Ängste, die Panik und auch die vielen Situationen, die ich erlebt habe. Dadurch verschwand die Angst zwar nicht sofort, aber das Schreiben hat mich entlastet. Vor allem erkannte ich, dass sich viele meiner Gedanken ständig wiederholten.
Noch wichtiger war allerdings, offen darüber zu sprechen. Nicht nur mit meiner Familie oder Freunden, sondern auch mit den Ärzten selbst. Ich sagte gleich zu Beginn, dass ich unter einer Angststörung leide und Arztbesuche für mich belastend sind. Manche Ärzte gingen sofort darauf ein und fanden beruhigende Worte. Andere reagierten eher sachlich. Beides war letztlich in Ordnung.
Mit jeder Untersuchung sammelte ich nämlich eine neue Erfahrung. Fast immer stellte sich heraus, dass der Termin längst nicht so dramatisch verlief, wie ich ihn mir tagelang ausgemalt hatte. Die Ärzte wirkten ruhig, routiniert und entspannt. Für sie gehören Untersuchungen schließlich zum ganz normalen Arbeitsalltag.
Ein Vergleich hat mir dabei sehr geholfen. Wenn unser Auto plötzlich merkwürdige Geräusche macht, wissen die meisten von uns überhaupt nicht, was dahintersteckt. Der Mechatroniker schaut kurz nach und sagt oft ganz gelassen: „Das bekommen wir hin.“ Für ihn ist das tägliche Routine. Ähnlich empfinde ich heute den Beruf eines Arztes. Natürlich sind wir keine Autos. Trotzdem besteht seine Aufgabe darin, herauszufinden, wo im Körper etwas nicht richtig funktioniert und welche Behandlung sinnvoll ist. Genau dafür hat er viele Jahre gelernt.
Diese Sichtweise hat meine Gedanken langsam verändert. Nicht über Nacht und auch nicht ohne Rückschläge. Aber Schritt für Schritt.
Momentan stehe ich übrigens wieder vor so einer Situation. Seit zwei Wochen habe ich Rückenschmerzen. In wenigen Tagen habe ich deshalb einen Termin beim Orthopäden. Natürlich weiß ich nicht, was dabei herauskommt. Vielleicht ist es etwas Harmloses, vielleicht braucht mein Rücken einfach etwas Unterstützung oder eine Behandlung. Offen gesagt: Keine Ahnung.
Früher hätten mich diese Gedanken tagelang fast verrückt gemacht. Heute sehe ich es etwas gelassener. Der Orthopäde ist der Fachmann. Sein Beruf besteht darin, herauszufinden, warum mein Rücken schmerzt und was sinnvoll ist. Wahrscheinlich werde ich trotzdem nervös sein, wenn ich im Wartezimmer sitze. Das gehört inzwischen fast dazu.
Aus den vielen Erfahrungen der vergangenen zwanzig Jahre habe ich jedoch etwas Wichtiges gelernt. Meine Gedanken malen die Situation fast immer schlimmer aus, als sie später tatsächlich ist. Genau diese praktischen Erfahrungen haben mein Vertrauen langsam wachsen lassen.
Falls du ebenfalls ungern zum Arzt gehst, möchte ich dir noch einen Gedanken mitgeben. Du bist damit keineswegs allein. Viele Menschen empfinden vor einem Arztbesuch Unsicherheit oder Furcht. Mit einer Angststörung oder Hypochondrie fühlt sich alles allerdings deutlich intensiver an. Trotzdem kann jede Untersuchung, die wir trotz unserer Angst schaffen, ein kleiner Schritt zurück in Richtung Vertrauen sein. Nicht perfekt. Nicht von heute auf morgen. Aber langsam und genau diese kleinen Schritte haben mir im Laufe der Jahre am meisten geholfen.

