Angststörungen – einfach und verständlich erklärt

Angststörungen – einfach und verständlich erklärt

Warum Angst nicht gleich Angst ist

Na klar, die Angst hat keinen besonders guten Ruf. Sobald wir Angst haben, möchten wir sie am liebsten sofort wieder loswerden. Aber – und jetzt kommt es: Trotzdem erfüllt Angst eine wichtige Aufgabe. Sie macht uns aufmerksam, schützt uns vor Gefahren und sorgt dafür, dass wir in brenzligen Situationen schnell reagieren können. Ohne dieses Warnsystem wäre das Leben vermutlich deutlich riskanter.

Okay, so weit, so gut. Schwierig wird es, wenn die Angst plötzlich ihre – ich nenne es mal: Eigenständigkeit – entwickelt, die einfach bleibt. Sie verschwindet nicht mehr, sobald die belastende Situation vorbei ist.

Und genau das habe ich selbst erlebt. Ich konnte es zunächst nicht konkret einordnen. Bei mir fing es schon an, als ich etwa 14 oder 15 Jahre alt. Da hieß es halt: „Der Thomas ist etwas ängstlicher.“ Das hat sich dann im Laufe der Jahre deutlich gesteigert.

Im normalen Leben oder im Beruf – mit zunehmendem Alter – schob ich es auf die Belastungen oder den Stress. Mal war der Job schuld, mal private Sorgen oder einfach eine schlechte Phase. Irgendeine Erklärung fand ich immer. Erst viel später wurde mir bewusst: Okay, so ganz normal ist das ja nicht. Morgens war sie schon da, noch bevor ich richtig wach war. Tagsüber kam sie immer wieder, und abends hoffte ich nur noch, dass der nächste Tag vielleicht etwas besser werden würde.

Es war halt nicht mehr die Angst vor einer bestimmten Situation. Diese Angst war sozusagen zum ständigen Begleiter geworden. Sie bestimmte, wie ich mich fühlte, worüber ich nachdachte und manchmal sogar, ob ich überhaupt das Haus verlassen wollte.

Angst oder Angststörung?

Ganz ehrlich, das ist nicht sofort klar. Viele Menschen merken das anfangs nicht – genauso wie ich auch. Der Übergang von der Angst zu einer Angststörung ist langsam, unbemerkt und steigert sich.

Eine Angststörung ist schon etwas ganz anderes als normale Angst. Viele Jahre fragte ich mich, warum mein Herz plötzlich schneller schlug oder weshalb mir auf einmal schwindelig wurde. Oder warum ich plötzlich diese Morgen-Angst hatte. Oder die Angst beim Einkaufen, in geselligen Runden, sogar vor dem Autofahren.

Angststörungen – Suche nach Antworten

Während meiner eigenen Suche nach Antworten habe ich viele Berichte anderer Betroffener gelesen. Über Google nach Lösungen gesucht. Anfangs hat mich das eher verunsichert als beruhigt. Es gab sehr viele und unterschiedliche Ideen.

Im Laufe der Jahre wurde jedoch immer deutlicher, dass ich nach und nach doch etliche Symptome entwickelt hatte, die ich auch über meine Suche im Internet gelesen habe. Mal standen die körperlichen Beschwerden im Vordergrund, später waren es eher die ständigen Gedanken, das Grübeln. Zu Vorschein trat dann dieses „Morgentief“, wo ich bereits beim Aufwachen starke Ängste hatte. Danach gab es Phasen, in denen bestimmte Situationen plötzlich viel schwieriger wurden als früher, wie zum Beispiel das Einkaufen, oder die geselligen Runden. Hinzu kam das Autofahren. Meetings im Job.

Angst – irgendwann war sie allgegenwärtig

Auch wenn meine Ängstlichkeit, so nenne ich sie mal, schon sehr früh offensichtlich wurde, waren die Einschränkungen jedoch noch nicht so stark. Schon immer war ich ruhiger, manchmal auch in mich gekehrt. Hatte wenig Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Wie ich heute weiß, liegt das an meiner Kindheit, der Erziehung und dem Vorleben meiner Eltern. Sowie auch, den narzisstischen Verhaltensweisen meiner Mutter.

Dennoch war es mir möglich, früher einfach morgens aufzustehen, und den Tag zu beginnen, und ich habe wenig darüber nachgedacht, was alles so passieren könnte. Später dann kreisten die Gedanken fast nur noch darum, wie es meinem Körper gerade geht. Schlägt mein Herz heute anders als sonst? Warum habe ich Kopfschmerzen? Oder auch: Was ist, wenn ich plötzlich umfalle? Und auch die Besorgnis um meine Frau – schließlich könnte ihr ja auch was passieren.

Mir wurde sehr bewusst, dass ich nur noch meinen Körper, und mein Umfeld kontrollierte. Am liebsten hätte sie die gesamte Zukunft vorausplanbar im Griff.

Daraus entwickelten sich immer mehr und immer stärkere Ängste. In normalen alltäglichen Situationen, wie beim Einkaufen, im Job, im Zusammensein mit anderen Menschen. Es kam dann zu dieser Vermeidungshaltung. Ich wollte Situationen gänzlich vermeiden, die mir Angst machten.

Der Einkauf? Lieber nicht gerade heute. Eine längere Autofahrt? Vielleicht besser nächste Woche. Ein Treffen mit Freunden? Mal sehen, wie ich mich später fühle. Ohne es zu merken, richtet sich der Alltag immer mehr nach der Angst. Das Schreckliche daran ist, dass sich dieses Verhalten zunächst sogar richtig anfühlt. Man glaubt, sich selbst zu schützen. Tatsächlich wird die eigene Welt jedoch immer kleiner.

Erst einige Zeit später, als sich das Verhalten etabliert hatte, wurde mir klar, dass nicht die Angst mein Leben immer weiter eingeschränkt hatte, sondern diese Entscheidungen, die ich aus Angst getroffen hatte.

Und was hinzukam: Ich beobachtete andere Menschen, wie sie sich so locker, einfach, entspannt und mit Freude verhielten. Sie schienen glücklich zu sein. Sie saßen gesellig zusammen und lachten. Ging einkaufen und hatte Spaß. Ja, ich beneidete sie.

Dies führte dazu, dass ich mich noch schlechter fühlte, noch ängstlicher und auch panischer. Ich frage mich: „Warum kann ich nicht so glücklich sein?

Mittlerweile ist mir klar, dass jeder Mensch seinen eigenen „Rucksack des Lebens“ mit sich herumschleppt. Auch die Menschen, die ich beneidete. In etlichen Gesprächen ist mir das klar geworden, auch mit denjenigen, die ich neidvoll beobachtet hatte. Einige erzählten mir, dass auch sie schwere Zeiten haben und hatten. Es sei aber wichtig, trotzdem niemals den Mut und die Hoffnung zu verlieren. Je mehr wir uns selbst bemitleiden, oder fragen „Warum gerade ich?“, umso schlimmer würde unsere Situation werden. Und dabei waren auch Menschen, die selbst unter Ängsten leiden.

Angst verstehen – es nimmt ihr die Macht

Im Laufe meiner Angst-Phasen habe ich viel gelernt, manches war nützlich, anderes weniger. Eines jedoch ist bedeutsam: Das Verstehen der Angst ist wichtig.

Denn, solange ich nicht wusste, was wirklich mit mir los war, erschien mir jedes neue Symptom oder jeder Angstgedanke bedrohlich. Ich suchte immer nach Erklärungen, machte mir Sorgen und malte mir die schlimmsten Folgen aus.

Ich erfuhr an mir selbst, wie sehr meine Gedanken meine Gefühle beeinflussen. Mit der Zeit verstand ich immer besser, wie eng Körper und Psyche zusammenarbeiten. Dauernde Angst und das Grübeln bleiben eben nicht nur im Kopf. Sie zeigt sich auch im Körper. Muskeln verspannen sich, der Puls verändert sich, die Atmung ebenso und irgendwann reagiert der ganze Organismus auf diesen ständigen Alarmzustand.

Dieses Verstehen und das bewusste Erleben dieser Zusammenhänge sind wichtig, um daraus neue Wege zu finden.

Angst und neue Wege erkennen

Irgendwann habe ich eine Entscheidung getroffen. Dem Kampf gegen die Angst werde ich nicht gewinnen können. Aber, ich kann aktiv dazu beitragen, dass ich diese Angst akzeptiere. Sie ist nun mal da. Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke.

Über viele Jahre dachte ich: Erst wenn diese Angst weg ist, kannst du wieder leben, glücklich und entspannt sein. Heute weiß ich, dass es so nicht funktioniert.

Es gibt diese normale Angst, die wichtig ist, um uns zu schützen. Und dann diese Angststörung, die vielerlei Gründe haben kann.  

Wenn wir dieser Angststörung ihre Macht nehmen wollen, so habe ich es erfahren, ist die Akzeptanz ein wichtiger Schritt. Aber auch, das Leben wieder in die „eigenen Hände“ zu nehmen. Und so zu leben, wie es uns gefällt, zufrieden und glücklich macht. Solange wir diese Fesseln der Angst tragen, sind wir in ihr gefangen. Das Lösen der Fesseln gelingt nicht, indem wir kämpfen, sondern – ich nenne es so – geschmeidiger werden, lockerer und loslassen. Das ist die Akzeptanz. Dann können wir die Fesseln langsam lösen.

Tipps für deinen Weg – aus meinen Erfahrungen

Falls du dich in vielen Zeilen dieses Artikels wiedergefunden hast, dann möchte ich dir zum Schluss noch ein paar Gedanken mitgeben. Keinen 10-Punkte-Plan und auch kein Versprechen, dass die Angst morgen verschwunden sein wird. Dafür habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren viel zu oft erlebt, dass der Weg aus einer Angststörung Zeit und vor allem Geduld braucht.

Der erste Tipp ist vielleicht der wichtigste: Informiere dich über Angststörungen. Verstehe, was in deinem Körper und deinem Kopf passiert. Mir hat dieses Wissen unglaublich geholfen. Viele Symptome, die ich früher als lebensbedrohlich empfunden habe, konnte ich später viel besser einordnen. Allein dadurch verlor die Angst bereits einen Teil ihrer Macht.

Versuche außerdem, nicht ständig gegen die Angst zu kämpfen. Ich weiß, wie schwer das ist. Jahrelang habe ich genau das gemacht und bin daran fast verzweifelt. Je mehr ich die Angst wegdrücken wollte, desto stärker schien sie zu werden. Erst als ich begann, sie zu akzeptieren, veränderte sich langsam etwas. Akzeptanz bedeutet, die Angst nicht mehr zum Mittelpunkt des eigenen Lebens zu machen.

Ein weiterer Gedanke liegt mir besonders am Herzen. Warte nicht darauf, dass du irgendwann vollständig angstfrei bist. Das Leben findet heute statt. Auch mit einer Angststörung gibt es schöne Momente, kleine Erfolge, Freude und Menschen, die einem guttun. Genau diese Augenblicke sollten wir nicht übersehen.

Vergleiche dich nicht mit anderen. Das habe ich selbst viel zu lange gemacht. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und trägt seinen ganz persönlichen Rucksack durchs Leben. Manche Belastungen sieht man von außen nicht. Deshalb lohnt sich der Blick auf andere nur selten. Viel wichtiger ist die Frage, ob es dir heute vielleicht ein kleines bisschen besser geht als noch vor einigen Monaten.

Und noch etwas: Hab Geduld mit dir. Jeder kleine Schritt ist ein Erfolg. Auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt.

Wenn ich nach mehr als zwanzig Jahren mit Angststörungen und Panikattacken eines gelernt habe, dann dieses: Hoffnung ist unglaublich wichtig. Es wird Rückschläge geben. Es wird Tage geben, an denen alles schwer erscheint. Trotzdem lohnt es sich, weiterzugehen. Genau diese Erfahrung habe ich gemacht.

Ich wünsche dir von Herzen, dass du deinen eigenen Weg findest. Einen Weg mit etwas mehr Gelassenheit, etwas mehr Vertrauen in dich selbst und mit der Erkenntnis, dass Angst zwar ein Teil deines Lebens sein kann – aber niemals dein ganzes Leben bestimmen muss.

Lebensfreude und glücklich – trotz Angst

Lebensfreude und glücklich trotz Angst

Ich sage nach meiner über sehr viele Jahre andauernden Angststörung, dass es möglich ist – TROTZ ANGST – ein Leben mit Freude und mit Glück zu leben. Auch wenn es manchmal diese kleinen, unscheinbaren Schritte sind, die wir gehen – aber wir gehen, das ist wichtig. Selbst wenn es Rückschläge gab, die ich oftmals erlebt habe, bin ich weiter vorangegangen. Langsam, beharrlich und mit Mut.

Dazu gehört auch, dass wir das Leben mit Humor und etwas Ironie betrachten. Einfach herauskommen aus diesem eingeschränkten Denken. Auch wenn’s vielleicht nicht allen gefällt. Ich betrachte das Leben inzwischen „mit anderen Augen“ und oft mit diesem Augenzwinkern.

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